Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
285
Einzelbild herunterladen

hatte ellern

ensti­noch umen

s mit

vier Inter­schen

er es

ckeln­

rächig

aber

e von

nfzehn

mals­

emp­

amilie

mesuch

Hierte.

König önigin

men in wir die

uft zu en, er­

as Ge­

meint,

s Ver­

ag zum

gebaut; düstere

en.

us alte,

brecht­immer,

stockt

er und wagt nicht, die Verlassenheit dieser großen, grauen Ruine zu betreten. Zuviele Tragödien, stumme und echolaute, haben sich hier abgespielt. Decken wir das Grauen gnädig zu.

Nur einen einzigen, schweren Blick in das Kellergeschoß an der Hofseite habe ich mir schließlich abgerungen. Vom März­himmel fallen die blassen Tropfen wie Tränen. Da gähnt in der Tiefe eine sinnlose Leere. Aus den Wänden dunstet Ver­wesung. Die Klappritschen sind schon abmontiert, aber der listige Schiebemechanismus an der sargdeckelhaften Tür ist noch schamlos zu Diensten. Das war die sechs, die Zelle neben der meinigen, sie gehörte einem katholischen Priester von heiliger Haltung. Ach, ich mußte ihm einmal beim Abstreifen der Kleider helfen, denn er hatte zehn grün vereiternde Finger­spitzen, das kam von den Daumenschrauben bei der Scharfen Frage.

Genug, ich wollte keine Greuelgeschichten aufwärmen, die Leute wagen nicht daran zu glauben. Aber das kommt davon, wenn man mit solchen Erinnerungen im wunden Gemüt durch die Skelette der Prinz- Albrecht- Straße spazierengeht!

Mich fröstelt, und ich möchte nachschauen, ob die Menschen auch wirklich keine grünen Finger mehr haben.

Ich wandere tagelang durch das Berliner Meer der steinernen Grimassen. Ich suche nicht mehr die Erinnerung an den Lärm der Erlebnisse, ich suche mich selbst. Wo bin ich, wohin gehen wir? Wir wollen anders werden, ich rechne mit mir ab, ich halte inneres Gericht. Wir müssen uns verändern, damit sich die Welt verändert, damit das nicht mehr wiederkommt, was war.

Im Efeu an meinem Frohnauer Hause nistet jetzt ein Schwalbenpaar. Die erste Primel blüht. Die Welt wird wieder warm. Das Postfräulein mit der kessen Faltmütze reicht mir ein Telegramm über den Gartenzaun. Telegramm aus Bayreuth . Aber nicht Bayreuth , sondern Nürnberg ruft. Sie halten dort seit Monaten Abrechnung, alle Orgeln jüngster Blutgeschichte brausen noch einmal auf. Ja, in Nürnberg steigt der letzte Parteitag. Ich soll dort Zeugnis ablegen. Meine Frau darf mitkommen. Sie empfindet es wie eine Belohnung des Schick­sals. Ich hole sie aus Bayreuth , und dann fahren wir zum letzten Reichsparteitag der NSDAP .

Durch das Amtsgrau der Labyrinthe im großen Hause des Gerichts erstrahlen die weißen Lackhelme der Konstabler wie Leuchtfeuer in der Nacht. Fremde Finger durchwühlen Akten­

285