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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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mädeln, und nur ganz allmählich gelangte man durch eine Zone des süßlichen Zynismus in den Bereich der abgründigen Bos- heiten. Damals fuhren sie mich in schwarzer Lacklimousine wie einen fremden Diplomaten in das Tempelhofer Golumbia-

und dort, aber ich wollte mich nur an das Inferno

der Prinz-Albrecht-Straße erinnern.

Also inzwischen hatten sie dort die berüchtigten Katakomben gebaut, die Kellergefängnisse, die ein modernes Gegenstück zu den Bleikammern Venedigs sein sollten, so erzählte man. Und wieder dachte ich, es genüge durchaus, sie vom Hörensagen zu kennen. Ja, eines Abends, es war im November 1943, schien

der ganze Gestapokomplex in zischenden Flammen zu stehen,

mit den Rauchschwaden wirbelten riesige Papierbündel in die rote Luft, und ich stand, aus dem Zeitungsviertel kommend, in der Nähe und freute mich, in ehrlicher Tücke triumphierend, da würden sich auch meine politischen Akten in Wohlgetallen auflösen,

Aber acht Tage später saß ich plötzlich tief drin, zwei Meter

unter der Erde, der vergitterte Spalt zum Erdboden ließ frei- gebig frische Luft und Schneewasser hinein, denn die Verglasung war zerbrochen und die Heizung ebenso; ich hatte über den Bombensegen im Gestapo -Bezirk zu früh frohlockt. Wenn ich das kaffeefarbene Wasser eine Stunde stehenließ, hatte ich Eiskaffee in der Schale, und da meine Hände durch die Fesse- lung sehr kälteempfindlich waren, hatte ich mir den Putzlappen um die Finger gewickelt. Von meinen Mitgefangenen sah ich jeden Morgen um sechs beim Antreten'zum Waschen die nackten Rücken mit den bunten Schwären, So standen wir eine halbe Stunde oder länger in der geißelnden Zugluft im Nebel- licht der gelben Birnchen und warteten, bis es im Galopp zum Waschbecken ging, und wenn was nicht klappte, sausten nasse Stricke um die Schultern. + Vier Monate habe ich einsam diese triefenden Kasematten mit bevölkert, und als ich endlich in der grünen Minna weiter verfrachtet wurde, schwollen am ehemaligen Hotel Prinz Albrecht schon die Fliederknospen über dem Schutt.

Aber einmal war ich inzwischen doch an einem hellen Wintertag den Fesseln und dem Käfig entronnen, da durfte ich an der Seite meines Kriminal-Kommissars durch den alten Albrecht-Park trotten, der die Rückseite des Gestapo -Haupt- hauses mit dem einstigen Prinzen-Palais verband, dessen Front auf den Arkadenhof in der Wilhelmstraße ging. Damals war

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