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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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die Hauptsicherung im Keller ausschraubte, so daß die Kampf­hähne im Dunkeln danebenschlugen. Dann herrschte hier jahrelang republikanisches Zwielicht, in dem zum Beispiel ein schwarzer Mann namens Franz von Papen sich im Intrigieren übte.

Schließlich beschlagnahmte der leibesmächtige und-prächtige Hermann das Haus mit den kilometerlangen grünen Smyrnas und tausend gelben Klubsesseln für seine cäsarische Hofhaltung und machte daraus eine Schlemmergaststätte für seine Rekord­flieger. Er selber geruhte bisweilen, erschöpft von den vielen Kostümproben, hier in schwellendem Ecksofa noch vor der offi­ziellen Mittagstafel ein gebratenes Entchen und ein paar Gläschen hundertjährigen Sherry einzunehmen.

Aber jetzt bitte wieder auf die andre Seite, Prinz- Albrecht­Straße Nr. 8, eine unvergeßliche Hausnummer, von außen ziemlich schlicht, aber wartet nur, der Bau hat es in sich. Das war mal die Bibliothek des Kunstgewerbemuseums, einst ein schöner Anziehungspunkt für ästhetisch angehauchte Studenten aller Fakultäten und besonders aus dem zarten Geschlecht. Aber als der Diktator von gegenüber seine Expansionsgelüste auf die andere Straßenseite ausdehnte, flogen die Sammlungen mit den zarten Figurinen im schönen Mai auf den Hof und weichten wochenlang im Frühlingsregen.

Man brauchte das Gebäude für bessere Zwecke, denn es gab ja so viel böse Menschen, denen die große Zeit noch nicht recht gefiel und die einer Sonderkur durch die Geheime Staatspolizei bedürftig waren. Bald zog ein schwarzer Doppelposten neben der Freitreppe auf, und zwei baumlange Totschlägertypen klapperten unter den zackigsten Gliederverrenkungen über das Pflaster, grauenhafte Karikaturen des Preußendrills; wenn sie brüllend ablösten, fuhr den Leuten der Schrecken in die Glieder, und Frauen ließen manchmal ihre Taschen fallen. Ich mußte hier auf dem Wege zum alten Zeitungsviertel, das am andern Ende der kurzen Prinz- Albrecht- Straße beginnt, ziemlich oft vorbei, wenn ich es eilig hatte, sonst machte ich einen Umweg.

Natürlich wünschte ich niemals mit dem Innern Bekannt­schaft zu machen, meine journalistische Neugier war dafür nicht groß genug. Aber eines Tages mußte ich auch( zum ersten Male) unfreiwillig zwischen den beiden langen Kerlen hindurch. Drinnen herrschte vorerst ein ruppiger Bohème­betrieb mit flotten Späßen und vielen vorurteilslosen Tipp­

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