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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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sich Berlin schon vor drei Jahren zu verwandeln begann, ganz vertraut vorkamen. Jetzt sind meine Piranesis immer zeit- gemäßer geworden.

Sinnend betrachte ich die Mauerrisse hinter den Ruinen- bildern, die Tapeten bilden Fetzen wie wildgewordene Land- karten. Das war der Luftdruck einer Fliegermine, der hier rauhe Wirklichkeit spielte. Zu Piranesis Zeiten mußte man künstliche Ruinen errichten, wenn der Zahn der Zeit zu lang- sam war. Das hat man heute in Berlin nicht nötig.

Am nächsten Tage rüste ich mich zu einem Ausflug auf den steinernen Ozean der Überbleibsel und Erinnerungen. Ich habe ein Ziel, ich suche eine Straße, meine Straße, die Stätte der Verruchtheit, die große Leidensgasse.

Sie heißt Prinz Albrecht-Straße.

Wenn du eintrittst, grüßen dich zur Rechten gewaltige Säulenschäfte, wahrhaft zyklopische Blöcke, jetzt durch wüste Sprengnarben zu einer Sandsteinklamm zurückverstümmelt. Hinter der ehemaligen Prachtfassade waren einmal die musealen Kostbarkeiten der Völkerkunde aufgespeichert. 1918 hatte man auf die Säulen mit BlutfarbeVolkseigentum aufgepinselt; das erübrigt sich heute, denn inzwischen sind die hohen Schatz- hallen durch die Bomben bereits in den Orkus hinabsozialisiert. Zur Linken aber kriecht ein niedriges Kasernengefängnis mit burgimitierenden Mauern um den Straßenanfang; das ließ sich Herr Göring für seine Leibwache aufmauern, als die Herren noch nicht daran dachten, sich Cyankali-Ampullchen füllen zu lassen. Hinter den runden Schießscharten tobten sich seine Privat-Janitscharen aus, die jeden Mittag um zwölf lametta- behangen von ihren Polizeiflitzern sprangen. Heute schleichen hier Rucksackgebückte mit zerstörten Seelen, iie lose Peitsche der Schmähung im Munde.

Dies also wäre der Auftakt meiner Straße. Der Pseudo- Renaissance-Palazzo dahinter repräsentierte das unverfälschte 19, Jahrhundert und im übrigen das preußische Volk, das meistens von Grafen und Millionären vertreten wurde; doch durfte schließlich auch der Zehngebote-Hoffmann einziehen und seine Brandreden gegen das Dreiklassenwahlrecht halten. Als hier das Königswappen mit den kronentragenden Keulen-

_ männern zerbrach, kamen die Arbeiter- und Soldatenräte, die

wenigstens die parlamentarische Rauchfreiheit einführten. Leider kriegten sich die Herren bald so heftig in die Wolle, daß ein Vernünftiger, um Bürgerblutvergießen zu verhindern,

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