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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Wo bin ich? O mein Gott, ich liege schon wieder in einem falschen Bett! Ich ziehe die Decke über den Kopf, ich habe vorerst genug simuliert und gestanden. Wann mündet das schmerzende Licht der Welt in die heilige Finsternis? Genug! Wo sind die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit? Wann werden wir weise sein? Wann wird uns unsere Schuld ver­geben? Ich warte. Gute Nacht.

Ich liege wieder im fremden Bett, aber ich möchte wenigstens meine eigenen Gedanken denken-

Wann betten wir Deutsche wieder den freien Kopf auf eigenem Pfühl? Wann werden wir wieder zu Hause sein?

Erst betten wir uns für drei Monate zum Bayreuther Winter­schlaf. Die Gefäße der Zeit bleiben leer oder füllen sich nur mit endlosem Brei aus Gerstengrütze. Manchmal lassen wir uns von den Schneeflocken des Fichtelgebirges überschütten. Aber mit dem ersten Krokus- Farbenreigen am Bayreuther Festspielhügel zieht es mich nach Berlin . Dieses Mal muß die Meinige das fremde Haus hüten. Eine schwere Mappe mit Memoiren- Gepäck schleppe ich mit. Ich reise als sogenannter Umsiedler über Würzburg , Bebra , Eisenach , nächtige viermal in zerstörten Bahnhöfen, lasse mich zweimal entlausen, zwanzig­mal abstempeln und zerquetschen.

Aber dann lande ich wahrhaftig in den kahlen, kalten Riesenreliquien Berlins . Ich halte Einzug durchs Branden­ burger Tor , das in die milchige Märzluft gestrichelt ist, als sei es Piranesis Paestum- Stichen nachgebildet. Man wird in Zu­kunft vergleichende Ruinenkunde treiben müssen. Man lehre uns die Schönheitsgesetze des Zerbrochenen, man verscheuche den Kummer durch die Ästhetik des Kaputten.

Abends bin ich daheim in Frohnau , und keiner von den Meinen wundert sich. Alle tun, als sei gar nichts passiert, als sei mein Kommen selbstverständlich. Nur ich selber finde es noch ziemlich unwahrscheinlich, daß ich wieder da bin.

Staunend sehe ich mich in meinem großen Arbeitszimmer um. Da hängen ja die Trümmer massenhaft an den Wänden. Sie hängen da freilich schon seit zwanzig Jahren, es sind einige Originalblätter des großen italienischen Meisters der Kupfer­stich- Trümmer. Als wir sie damals zur Hochzeit geschenkt bekamen, krittelte jemand, Piranesi zur Gründung eines jungen Hausstandes, das sei doch sehr unzeitgemäß. Ich hatte mich an das mächtige Helldunkel dieser zerborstenen Fassaden all­mählich so gewöhnt, daß mir die leibhaftigen Ruinen, in die

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