Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
271
Einzelbild herunterladen

TELLER TTETETETRITETER

% Plötzlich ist das Gewesene wieder da, und ich mag die ge- bliebenen Dinge nicht willkommen heißen. Die Lasten, die ich verloren glaubte, stellen sich wieder ein, sie werden mir Pflich- ten vorschreiben, die ich schon abgeworfen hatte. Denn das Eigentum ist fragwürdig geworden, und der Besitz ist drückend. Das Erraffte will immer wieder verteidigt werden gegen Bom- ben, Motten und Gerichtsvollzieher. Ich bin kein Bürger mehr. Aber ich kann die Vergangenheit nicht abschütteln. Schon senken sich die Lasten, die Sorgen wieder auf die befreiten Schultern. Ich spüre die alten Pflichten wie einen unendlichen Rucksack, ich schleppe wieder an meinem Lebensgepäck. Die Welt ist eine Rumpelkammer, die wir nicht loswerden. Dennoch! Es geht wieder vorwärts, wie schwer es auch sei. Berlin ent- läßt mich nicht, ich werde mitmachen müssen, wenn der größte Trümmerhaufen des Erdballs seine Überbleibsel aktiviert.

In den Akten steht noch immer, ich gehörte ins Irrenhaus, und darum brauche ich ein Attest, das meine geistige Gesundheit bescheinigt. In Bayreuth soll es einen Psychiater von Ruf geben. Also gehen wir hin, lassen wir uns wieder einmal untersuchen, und diesmal freiwillig.

Die Anstalt, in der Herr Dr. Wach als Chefarzt für Gemüts- leiden praktiziert, liegt am Rande der Stadt auf einer lieblichen Anhöhe, vor der sich das wellige Maintal wie im Hauch der Weintrauben-öffnet. Die fensterfrohen Villen dieses großen Privatinstituts für Heilung und Pflege stehen hinter langen, rostigen Friedhofsgittern. Die Irrenanstalten pflegen im Gegensatz zu den Zuchthäusern auf einen freundlichen Rahmen besonderen Wert zu legen. Doch die Spaltung zwischen gewoll- ter Helle und ungewollter Düsternis läßt mich stutzen. In der Ferne ballt sich der Ocker des toten Laubwalds.

Ich klingle am Tor, ein gestreifter Zerberus steckt den Kopf heraus und fragt, was ich wünsche. Es genügt ihm nicht zu erfahren, daß ich Herrn Dr. Wach besuchen möchte, er will wissen, wo es denn bei mir fehle. Darauf war ich nicht gefaßt, was soll ich ihm sagen, was bekennen? Mir fällt im Augenblick nichts anderes als die Wahrheit ein.

Ich halte mich für gesund, versichere ich ehrlich, ‚aber ich habe mal längere Zeit verrückt gespielt, und da möchte ich mich mal auf meinen Zustand untersuchen lassen.

Halb mitleidig, halb mißtrauisch mustert er mich. ‚Ne faule Sache, meint er.Na, dann gehn Sie mal schon, wir nehmen

eigentlich keine Kranken mehr an.

IE

ER:

TEEN ET A