,, Nun, ich denke", fährt sie fort ,,, man wird sich einen Wagen mieten, auf dem Flugplatz zum Beispiel dort drüben soll es noch ganze unterirdische Teiche voll Benzin geben."
,, Sie sind eine prachtvolle Optimistin", gebe ich stirnrunzelnd zurück. ,, Sie wissen wohl nicht, daß in Berlin noch die grauenvollsten Straßenkämpfe toben. Zwischen Potsdamer Platz und Tiergarten, also in Freislers ehemaligen Jagdgründen, stehen russische Panzer, und in den Bunkern der Reichskanzlei trotzt noch immer Adolf der Wahnsinnige und zögert, den dreißig Millionen Menschen nachzufolgen, die seinetwegen sterben mußten. Ich schätze, der Krieg geht in etwa acht Tagen zu Ende. Aber dann kommt erst die schaurige Bilanz. Das Ausmaß der Katastrophe wird fürchterlich. Glücklicherweise besitzen die meisten zu wenig Phantasie, um sich überhaupt vorstellen zu können, was die Nazis angerichtet haben. Sie können froh sein, wenn Sie in einigen Monaten Berlin erreichen können, nicht im Auto, aber vielleicht im Viehwagen."
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,, Aber ich habe doch Eile", widerspricht sie mit großen, starr verwunderten Augen. ,, Ich bin doch schließlich ein Ausnahmefall. Was geht mich das Schuldkonto der Nazis an. Ich muß meinen Mann suchen. Mein Mann ist Halbjude, oder ganz genau Dreivierteljude, er hat jahrelang für antifaschistische Flugblätter Karrikaturen gezeichnet ich sage Ihnen, es ist ein einzigartiger Künstler. Sie hätten mal seinen Göring als Weihnachtsmann sehen sollen! Ich habe die Druckstöcke nach der Schweiz geschmuggelt. Leider wurden wir zweiundvierzig geschnappt. Man nannte die amüsante Geschichte Hochverrat. Ich bin aber immer so durchgerutscht. Mein Anwalt sagte, ich müßte schon seit zwei Jahren tot sein. Von meinem Mann weiß ich seit damals nichts mehr. Aber ich glaube, daß er noch lebt. Sie werden ihn doch nicht vergast haben, wo er beinahe Halbjude ist? Nicht wahr, nur Volljuden durften vergast werden? Jedenfalls muß ich meinen Mann jetzt suchen- sofort- sofort was geht mich Hitlers letzter Fuchsbau an. Und wenn man mich nicht gleich nach Berlin läßt- dann fahr ich einfach zu Eisenhower ."
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Um ihre Augenlider spielen die Neurasthenien. Kein Wunder bei drei Jahren Haft unter Todesdrohung. Hinter ihrem leidvollen Übereifer steckt eine rührende Hilflosigkeit. Der blonde Kegel ihres Haargeflechts schwankt immer heftiger in der Gemütsbewegung.
,, Aber bitte, bedenken Sie", wende ich ein ,,, leider befinden
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