Ich möchte nichts mehr hören, nichts mehr sagen, ich möchte taubstumm sein und nur dem Hämmern meines Herzens lauschen.
Da bringt für mich dieser Führergeburtstag noch eine nette Überraschung, die mir der gute Tatgenosse Klaus bereitet. Er trug eine schwere Ledertasche mit geheimnisvollem Inhalt und langte zuweilen hinein, um eine kleine Spende zu verteilen, sei es Büchsenmilch, sei es eine Kekspackung.
Jetzt greift er in die Tiefe seiner Organisationstasche und entnimmt ihr eine verheißungsvolle Flasche, es ist wahrhaftig Burgunder. Welch ein Wohlgeruch, als der Pfropfen fliegt! Das blutrote, mystisch funkelnde Naß fließt in die Aluminiumbecher. Schon duftet die erdige Süße des Abendlandes. Wir lassen die Becher klirren.
,, Zunächst einen Hochachtungsschluck auf uns selbst, auf unsere Gesundheit, auf dein kluges, krankes Köpfchen, das uns gerettet hat." Wir trinken, und ich spüre, wie sich dieses rettende und gerettete Köpfchen, das solchen Trank nicht mehr gewohnt ist, in leichten Wahngebilden wiegt.
,, Und jetzt einen Verachtungsschluck auf Hirsch und seine Henker!"
Er zieht eine Grimasse, als wäre der Wein plötzlich Galle geworden, als hätte ihn ein Tropfen aus dem Drachenpfuhl vergiftet. Heil Hirsch! Heil Hirsch! Hirsch ist niemand anders als das heutige Geburtstagskind. Wir nannten ihn Hirsch in der Tarnungssprache der Berliner Ministerien, weil er sich einmal ein Wappen mit einem Hirschgeweih anfertigen ließ.
,, Und nun noch einen Spezialschluck auf deine liebe Gattin, unsre treue, tapfere Tatgenossin!"
Bilden die Deutschen denn überhaupt noch eine Nation? Die deutschen Politischen des Zuchthauses sollen sich wie die andern zu einer Volksgruppe zusammenschließen und Obleute wählen. Wie einfach und doch wie schwer!
Wir haben kein Farbensymbol, keine landsmannschaftliche Fahne. Wir haben auch sonst keine Einmütigkeit, kein gemeinsames Ziel außer der negativen Einstellung zum Nazismus. Gewiß, wir sind darin echt deutsch , daß die meisten geneigt sind, den Nebenmann für einen Schädling zu halten, weil er anders zu denken gewohnt und andrer Herkunft ist. Nun rauschen in deutschen Landen die demokratischen Wortströme auf, aber die Deutschen haben leider so furchtbar wenig Talent zur Freiheit. Sie reden noch mehr als andre von Kameradschaft,
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