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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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der Sieger und der Besiegten zu erleben. Mein Haus, mein Garten, meine Straße werden von denen verteidigt, die mich vernichten wollten. Die Angreifer, die meine Heimat zerstören müssen, kommen als meine Freunde. So etwas kann man logisch begreifen, aber in der Seele geht das nicht klar. Am wachen Tage träume ich in zerrissenen Bildern vom Unglück der ge­waltigen Stadt, die sich in dreißig Jahren langsam mein Herz eroberte, die mich im Glanz und im Elend sah, die mir lachte und die mich schlug.

Der Bayreuther Frühling lächelt uns Befreiten, aber noch keineswegs Freien. Gegen Abend sitzen wir im Hauche des Lenzes am Rande des schillernden Teiches, in dessen grünlichem Wasser rosige Goldfischchen zappeln. Ja, leuchtende Gold­fische im Zuchthausteich welche Wunder hält die Welt immer wieder bereit. Eigentlich sollten dort unsere Leichen unter Chlor schlummern.

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,, Morgen", scherzt ein Durchtriebener ,,, gibt es Kuchen zum Frühstück, da ist doch Führersgeburtstag." Wir besitzen ein treffliches Mittel, um an der letzten Führergeburtstags- Feier teilzunehmen: wir haben wieder ein Radio, oder wir haben so­gar deren mehrere; in jedem Stockwerk ist ein Lautsprecher im Betrieb, und da hier Deutsche, Tschechen, Franzosen, Polen und Holländer Ohrenschmaus halten, schnattert das durchs Treppenhaus wie beim Turmbau zu Babel ; und dazu kommt noch der laute und hitzige Kampf um die Schaltknöpfe. Aber darüber ist man sich einig: man muß Dr. Josef Goebbels zum letztenmal als Geburtstags- Festredner hören.

Was wird ,, Klumpfüßchens Wunderhorn" diesesmal zu er­zählen haben? Klumpfüßchen ist nicht im geringsten verlegen, er verrenkt seine Stimme in Ehrfurcht vor dem Führer, der sein Volk zu dem größten Siege seiner Geschichte führen würde. Unseren herzlichen Glückwunsch! Aber mein Lachen wird zum Krampf, ich lebe in den Pathologien des drahtlosen Wahns.

Wir schalten um auf Londondas kostet ja in Bayreuth keine zehn Jahre Zuchthaus mehr. Auch London liefert sein Scherflein zum Ehrentag. Hitler und Goebbels treten hier so­gar höchstselbst mit ihren Schallplatten- Stimmen auf. Der Führer Europas zerschmettert endgültig den bolschewistischen Giftdrachen. ,, Die Kremlmauern wanken schon!" Doch die Berserkerwut dieses größten Zerstörers aller Zeiten läßt im Augenblick nur noch die Holzwände des Lautsprechers erzittern.

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