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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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betten schlafen, und die Mahlzeiten wurden gemeinsam einge­nommen. Wie schaurig und bedrohend war dagegen der Fort­schritt in Hitlers Heilzone.

Die Zeit der grausamen Hungerkuren ist vorbei. Doch jetzt brechen die Mangel- Krankheiten nachträglich immer quälender aus, die Lazarette füllen sich. Überall hapert es mit Stoffwechsel und Blutkreislauf. Und in den nächsten Wochen stehen wir in St. Georgen fast täglich an einem offenem Grabe. Die Bibel­sprüche sprudeln. Zwei alte Trompeten machen Trauermusik. Weiße Blütenzweige liegen auf den geteerten Särgen. Wir sind sehr nachdenklich.

In unsere Zelle zieht nach dem Tode des unglücklichen Er­finders jetzt eine raumfüllende Gestalt, die auf drastische Weise ihrem Wiederaufbau lebt. Sagen wir es auf gut deutsch , der Dicke ist ein Freßsack. In der Zeit der Entbehrungen hat er von seinen Fettpolstern gelebt, die ihm jetzt wie geleerte Säcke an Gesicht und Körper herumhängen. Diese Säcke so schnell wie möglich wieder zu füllen und zu vergrößern, ist sein ein­ziges Lebensziel. Er pfeift auf die Politik, er will volle Schüsseln haben, er vertilgt das ganze überschüssige Brot der Etage. Unser Freßsack verschlingt alle Reste, erbettelt, er­handelt sich überall einen Anteil, wo jemand sich ein paar gute Extrabissen organisiert hat. Und als ihm einmal ein abweisen­der Kalfaktor die Tür vor dem flehenden Giermaul zuschlägt, beginnt er zu zittern und zu weinen. Sogar des Nachts steht er fast stündlich auf, um an einem Brotkanten zu knab­bern und an einer Wurst zu schmatzen, die er vor uns ver­heimlicht hat.

Auch diese futtergeile Groteske gehört zur Soziologie unsrer Leiden.

Die Entscheidungen der großen Geschichte sind zwar unab­wendbar, aber noch nicht vollzogen. Der Krieg tobt weiter, doch es kommt uns vor, als verhielte er noch einmal den Atem. Zwischen Fichtelgebirge und Böhmerwald versteift sich noch einmal die Front, wir wähnen bisweilen sogar den Kanonen­donner zu hören.

Der russische Generalsturm auf Berlin hat begonnen. Ich nehme an der Verteidigung und Befreiung meiner Heimatstadt Berlin mit dunkel widerstreitenden Stimmungen Anteil. Meine Phantasie reicht nicht aus, um mich gleichzeitig auf den Seiten

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