Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
234
Einzelbild herunterladen

Diktatur hat ja keine Charaktere, sondern höchstens gefügige Hampelmänner erzogen.

Unten in der Talmulde von St. Georgen, wo der Schienen­strang die Straße schneidet, haben zwei olivgrüne Panzer­ungetüme Posten gefaßt. Ihre Rohre ragen wie Schlagbäume. Weiter hinten am Bahndamm gellen noch die letzten Säube­rungsschüsse.

Die Amis, frische und freundliche Sportgestalten, haben schon die Vollzugsgewalt übernommen. How are you?

-

Zivilisten links sammeln und aufschließen! Zuchthaus­gefangene in Uniform dürfen auf der Straßenmitte sofort passieren. Die Wachtmeister haben ihre Waffen zusammen­zulegen und treten an als Gefangenentransport. Einer von uns kommandiert: ,, Rechts um!. Ohne Tritt marsch!" Die meisten von ihnen machen verdutzte Gesichter, einige tun so, als wenn sich jemand einen schlechten Scherz mit ihnen und mit der Bürokratie der Weltordnung erlaubte.

Links und rechts des Weges frische Kampfspuren, zerfetzte Bäume und Stromleitungen, Erdkrater in der Pflasterung, zer­brochene Dachfirste, herausgerissene Fensterkreuze Wirkun­gen der Panzerartillerie.

In den Leuten, die hier wohnen, zittert noch der Schrecken nach, aber stärker schwingt in ihnen das Gefühl, der Tief­punkt der Schickung sei überwunden.

,, Ach, Verzeihung", ruft eine grauhaarige, beherzte Frau uns zu ,,, die Herren sind doch aus Böhmen , oder nicht ich meine Tschechen aus dem Zuchthaus, politische Gefangene"

-

-

sie stockt, als sie meine Verneinung in den Mienen liest.

11

-

, Verzeihung" erwidere ich ebenso höflich ,,, Verzeihung, pardon, jetzt im Schlußakt dieser Katastrophe sind größten­teils Deutsche eingesperrt worden." Das alte Frauchen peilt mutig die Lage an.. ,, Wer gegen die Nazis war, kommt doch jetzt frei, aber dafür werden sicherlich viele Nazis eingesperrt werden."

, Wir wollen es hoffen", sagt Dr. M. mit trockener Be­kräftigung.

,, Hoffentlich aber niemand von den Meinen", legt sie los, ,, ich habe nämlich Sorgen wegen meiner Tochter. Die ist jetzt schon ziemlich lange bei den Tschechen, in dem SS- Rasse- Amt in Prag . Und deshalb habe ich Sie ja angesprochen. Ich dachte, hier im Zuchthaus sind noch wie früher lauter Tschechen . Aber

234