Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
232
Einzelbild herunterladen
  

letztes Brot haben sie leider eben gegessen. Jedenfalls möchten sie mir etwas Gutes tun.

,, Hast du Geld?" fragt der Feldwebel. Ich verneine. Er zückt einen Zwanzigmarkschein. ,, Hier nimm, wir sind jetzt alle arme Luder."

Ich muß erzählen, was unten los ist. Viel weiß ich ja selbst nicht, aber meine Vermutungen und ihre Erlebnisse ergänzen sich. Die amerikanischen Panzer rollen von Kulmbach her alles zermalmend gen Südosten. Bayreuth ist nicht zu halten.

Sie könnten sich vielleicht auch jetzt noch durchschlagen, aber lohnt sich das noch? Seit Bamberg lassen sie sich ohne Zweck und Verstand herumhetzen. Nein, es lohnt sich nicht mehr. Wo soll das hin? Der Krieg geht zu Ende, Hitler hat sein großes Spiel verloren, warum sollen sie noch mitmachen? Auf Gefangenschaft haben sie keine Lust. Am besten wäre es, man ginge auf Arbeit zum Bauern. Ob ich mitkommen wolle? Ich erzähle, daß meine Frau mit mir gefangen sitzt, ich kann sie nicht im Stich lassen. Das finden sie auch.

Zum Abschied hängen sie mir einen ihrer Karabiner um. ,, Damit kannst du jetzt mal deine Henkersknechte verhaften." Es ist herrlich, wieder einmal bewaffnet zu sein, wenn man so lange Zeit ein erbärmlicher Sklave war. Dennoch bin ich be­sonnen genug, die Knarre bald wieder wegzuwerfen. Denn ein amerikanischer Befreier könnte meine Freude an der Waffe falsch verstehen.

Eine Weile streife ich einsam und doch mit allem Leben stark verbunden durch den frühlingsfrohen Wald. Zuweilen sehe ich die. Umrisse eines Leidens- und Glückgenossen hinter Holzstapeln und Wacholderbüschen verschwinden.

Plötzlich steht, wie aus der Erde geschossen, mein Zellen­kumpan Dr. M., vor mir. ,, Bruderherz", ruft er mit seiner östlichen Breite, die sich jetzt zu einem komisch wirkenden Pathos beschleunigt ,,, Bruderherz, Goldjungchen, alter Knast­stiebel, laß dich umarmen, dieser Mistkrempel ist aus. Fünf ganze Jahre haben mir die Banditen gestohlen! Aber jetzt wollen wir mal den Spieß umdrehen!"

Wie zur Bekräftigung grollen und donnern jetzt die Panzer heran, daß der weiche Bodenteppich unter uns zu beben scheint. Da schießen von einer kleinen besonnten Lichtung aus ein paar wilde Hitler - Bengels auf eine niedrig kurvende, ameri­kanisch besternte Maschine. Der Schlachtflieger muß sich mit der Bordwaffe wehren und trifft in einen Schwarm von flüch­

232