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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Da nahmen die amerikanischen Unterhändler den Rückzug über St. Georgen, um dem Zuchthaus mit Rücksicht auf seine internationalen Insassen einen humanen Vorschlag zu machen. Wenn das Bombardement in einer halben Stunde wieder ein­setzt, sollen die Gefangenen in die Waldränder östlich vom Luftwaffenlazarett evakuiert sein, dort wird ein Streifen von fünfhundert Meter Breite nach Möglichkeit vom Beschuß ver­schont bleiben.

Der Direktor der Anstalt will tun, was er kann. Jedenfalls treten wir alle im Hofe zum Abmarsch an.

In Sechserreihen rücken wir ab, eine lange Kolonne von über tausend Mann, in den schwarzen Zuchthausuniformen leicht kenntlich und noch leidlich geordnet. Die Wachtmeister, die als Begleitmannschaft bestimmt sind, haben sich schwer bewaffnet; man weiß nicht recht, gegen wen. Wir sehen das mit Argwohn. Wieder hängt die Schneide der Ungewißheit über unsern wehen­den Scheiteln. Was hat man mit uns vor? Wohin geht der Marsch?

Von vorne sickert das Gerücht nach hinten durch, wir würden auf deutschen Geheimbefehl mutwillig zwischen die Linien ge­trieben und sollten als Kugelfang dienen. Eine Umschau im Gelände unterstreicht noch diese Befürchtung, denn die Ame­rikaner müssen rechts hinter, die Deutschen links vor uns sein. Wir werden ganz offenbar den verstreuten deutschen Nachhuten zugetrieben, sollen vielleicht in der Gewalt der Waffen- SS den Rückzug mitmachen. Unsere Stimmung schlägt in Parolen der Panik um. Die Parole der Wachtmeister lautet noch eine Weile: wer stiften geht, wird erschossen. Einige schießen tatsächlich, aber sie schießen in die Luft. Die Reihen haben sich schon gelockert, die Glieder wellen in losen Haufen auseinander.

Es geht über wasserquietschende Wiesen, über Gräben und frischgepflügte Acker. Ich stolpere fortwährend über meine hölzernen Pantoffelgiganten, einmal sause ich in den braunen Sumpf eines kleinen Granattrichters.

Da setzt die Kanonade wieder ein, fast gleichzeitig aus allen Richtungen. Für einige Minuten ein wahres Höllenkonzert. Vorläufig läßt sich überhaupt nicht ausmachen, wer da schießt und wohin man zielt. Auch in den Lüften setzt es ein, die Bordwaffen singen, als es unten ruhiger wird, heiser und ab­gerissen aus den weißen Mittagswolken.

Hier und dort bricht einer von uns nieder, manchem ist alles gleich, ein paar wollen gar nicht mehr mitgeschleppt werden.

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