Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
228
Einzelbild herunterladen

Zeit eilt weiter, fühllos und unbestechlich. Die ersten Vogel- stimmen zwitschern in den nebelnassen Morgen hinein, in den Morgen des 14. April im Jahre des Heils 1945 nach der Zeiten- wende,

- Das Auto der Gestapo mit den beiden weißen Siegrunen im schwarzen Totenwimpel ist wieder da. Der alte Beamte grüßt etwas verstört, Nein, der Herr Direktor ist noch immer nicht gekommen. Auch die Frau Direktor hat keine Ahnung. Viel- leicht ist der Herr Direktor auf dem Wege durch die Finsternis in einen neuen Bombentrichter gefallen.

Ärgerlich verzieht der SS -Führer die Lippen.Das ist ja der reine Schlafmützen-Betrieb. Und an solch einem Tage. Meine Zeit ist kostbar. Es ist schon wieder geplündert worden. Bis acht Uhr sollen die Standgerichte erledigt sein. Aber das sage ich Ihnen! Wenn Ihr Direktor weiter unsichtbar bleibt, dann nehme ich heute nachmittag die Sache rücksichtslos in die Hand. Sonst entwischen uns die Staatsverbrecher noch zum Feind. Also dann auf heute nachmittag, sagen wir fünf Uhr. Das Kommando für die Exekution bringe ich mit. Für die Arbeit mit den Leichen holen wir uns außerdem noch einen Trupp Arbeitsdienst. Heil Hitler!

Wir, die wir nun noch bis fünf Uhr nachmittags Gnadenfrist haben, werden vormittags wieder ins Untergeschoß geholt, damit uns doch ja keine Bombe oder Granate ein Härchen krümme. Unwillkürlich muß ich an einen armen Berliner Mit- gefangenen denken, der sich noch am Tage vor der Hinrichtung im Lazarett das steife Genick massieren ließ,

Das Gefecht lebt auf. Die amerikanischen Panzer operieren in losen Halbkreisen um die Stadt, die nur von dem Bayreuther Genesungsbataillon und einigen zusammengerafften Verstär- kungen, darunter zwei Batterien, verteidigt wird. Das Duell der Geschütze wird ein paarmal energisch und klingt dann wieder ab. Die Einschläge des Angreifers liegen zeitweilig in der Nähe der Anstalt, offenbar will er die Besetzung einer Fabrikfront am Rand von St. Georgen verhindern, die einen Rückzug der Deutschen nach Osten sichern könnte, Auch die Maschinenpistolen krächzen schon heiser in das großkalibrige Kriegsorchester hinein. Ein paar niedrig hinziehende Flug- zeuge werfen kleinere Störungsbomben in den Kampfraum, den sie von Zeit zu Zeit auch mit Bordwaffen abtasten. Durch dünnen Nebel blinkt Metall.

228