eine neue Unabhängigkeitserklärung loslassen. ,, Besitzen die Herren vielleicht neuere Nachrichten über die Lage?"
Das litauische Informationsministerium weiß Bescheid. Also die Stadt Bayreuth soll bis zum letzten Mann verteidigt werden. Der Gauleiter läßt aber zugleich seinen prunkvollen Silberschatz mit schnellen Wagen in den Bayerischen Wald befördern, er soll dort vergraben werden. Er hofft wohl, die Welt sei so rund wie sein Bauch und würde sich wieder drehen. Vor allem aber, was ist gestern passiert? Das Gefängnis des Landgerichts ist in einen Sandsteinhaufen verwandelt. Ich danke Gott noch einmal für die Rettung meiner Frau und der Zuchthausleitung für die humane Nachricht.
Der Gewährsmann der Litauer hat die überlebenden Frauen selbst gesehen, sie mußten sich, zerschunden wie sie waren, gegenseitig selbst aus dem Schutt herausziehen. Ach, wieviele freiheitsdürstende Menschenkinder blieben zerschmettert unter den Trümmern liegen. Aber die Summierung der Tragödien schwächt das Entsetzen eher ab.
Den Lebenden dröhnt der dunkle Gesang der Granaten glückauf. Die Geschütze rücken näher, schießen sich ein. Alle zwanzig, dreißig Sekunden erst Einzelschüsse, dann Salven. In den Zellen klappert es hinterdrein. Die Flieger lassen ihre Linsenblicke kreisen und werfen nur Flugblätter ab, die wie bleiche Riesenfalter über düstre Dachruinen flattern.
Den deutschen Warnsirenen ist der letzte Leidenston im Halse steckengeblieben. Sie schwiegen für immer.
Die Frühlingsnacht senkt ihre Schwingen tiefer. Waffenlicht zerreißt das blaue Dunkel. In gesicherten Talstellungen jenseits des engeren Bergkranzes um Bayreuth liegen die Panzervorhuten der Amerikaner versteckt, sie breiten in größeren Abständen Einzelfeuer über alle größeren Fahrstraßen und ihre Kunstbauten, dazu verwerten sie ihre Fliegeraufklärung vom Nachmittag. Der regelmäßige Brauseton der Abschüsse und Einschläge hat allmählich etwas Ermüdendes, wir sind in der letzten Ruhe vor dem Sturm.
Im Hauptbau des Zuchthauses, im Treppenhaus vor dem Verwaltungszimmer brennen noch immer Kerzen und Ölfunzeln. Das Schimmerlicht, das rötlich aus den kleinen Flammenkörpern strömt, umflackert die verbissenen Gesichter der Gestapo - Führer, die hier schon seit Stunden auf den Anstaltsdirektor warten.
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