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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Sch., der seine Sympathie für den 20. Juli mit zehn Jahren büßen soll. Jetzt liegt er noch, den Kopf mit einem blauen Schnupftuch bedeckt, die dürren, langen Beine über das Fuß­brett des Bettes gerückt, auf der schmutzigen Matratze und grübelt. Er grübelt dem Qualtraum aller Techniker nach, dem perpetuum mobile, und glaubt allen Ernstes, im Gefängnis die Lösung gefunden zu haben.

,, Wenn man drei verschieden große Gewichte so an den Hebelarmen eines Waagebalkens aufhängt, daß-", er doziert es mehrmals am Tage. Wir hören nachsichtig zu. ,, Es ist eine typische Unterernährung hormonaler Drüsen", flüstert Dr. M. ,, Ja, wir müssen planmäßige Ernährungsakrobatik treiben."

Also Ernährungsakrobatik nach ärztlicher Vorschrift: Mor­gens darf man das warme Kaffeewasser nur in kleinen Schlücken trinken. Mittags hat man das halbe Morgenbrot in die Suppe aus Kartoffelschalen zu brocken. Nachmittags wird die zweite Hälfte des Morgenbrotes scharf gekaut und gut eingespeichelt. Abends werden die zwei Kartoffeln mitsamt der Schale langsam gegessen, hinterher wird der Tee mit dem zweiten Brotstückchen zu einem Brei verrührt.

,, Denke dir den Magen als ein perpetuum mobile", sagt der Arzt zu dem traumseligen Sch., der beim technischen Grübeln immer wieder die Technik der persönlichen Selbsterhaltung vernachlässigt.

Dennoch kommen wir zusehends weiter herunter. M. betrach­tet und befühlt uns jeden Abend wie Versuchstierchen. ,, Übri­gens ist das Verhungern längst nicht so dramatisch, wie es in Hungerturmszenen geschildert wird", versichert er sachlich, ,, die Verhungernden bleiben größtenteils apathisch. Die Gestapo von Auschwitz hatte mit den langsam Verhungernden verhältnismäßig wenig Scherereien. Dennoch ist die Engros­Vernichtung durch Vergasen wesentlich zweckmäßiger. Denn bis man einen Schub Todeskandidaten durch den Hunger end­gültig los ist, das dauert doch immerhin seine zwei bis drei Wochen. Mit Vergasen sind aber zweitausend Mann bequem an einem Tage zu schaffen."

,, Menschenskind, Doktor, hör' auf", falle ich dem kalt referierenden ehemaligen Lagerarzt hitzig ins Wort ,,, das ist ja grauenhaft. Wie kann man solche Schreckensdinge derart kalt betrachten! Mir drehen sich schon sämtliche Därme um."

, Beruhige dich, mein Lieber", erwidert der Arzt. ,, Im Not­falle hab ich für dich noch ein paar bessere Tabletten zur

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