Stundenlang muß ich ihn bei meiner Arbeit heimlich beobachten. Hat er kein schlechtes Gewissen? Er unterhält sich mit den Gefangenen beinahe kameradschaftlich, ohne sich anzuschmusen. Man würde ihn, wenn man nichts von ihm wüßte, für einen ganz normalen Durchschnittsdeutschen halten.
Verrät er sich durch gar nichts? Kommt nicht doch ein Funken angeborener Brutalität zum Vorschein? Eher wirkt er behutsam, als er mit einigen von uns über die Kriegsaussichten plaudert. Man wisse ja noch nicht genau, wie alles kommen werde, aber die Russen wären ja nun einmal im deutschen Osten drin, und man müsse sich mit ihnen vertragen. Überall werde schließlich mal ein Auge zugedrückt. Er sei für Leben und Lebenlassen. Dabei zwinkert er freundlich mit den Lidern. Ja, er ist ein Gemütsathlet, unser Herr Mörder! Vielleicht fällt ihm zwischendurch mal ein, wie er die vierzehn blutigen Leichen in die Aschengrube geschmissen hat. Und wie hat wohl die Flasche Schnaps geschmeckt, die ihm nach getaner Arbeit aus den Beständen der NS- Volkswohlfahrt spendiert wurde?
Man kennt sich eben mit Mördern nicht aus! Die Breslauer erzählen, er hätte das fünfzehnte Opfer des Transportes retten wollen, als sein Amtsgenosse einem unterwegs zusammengesunkenen Gefangenen mit dem ,, Radiergummi", nämlich mit dem Gummiknüppel, über den Mund ,, gekitzelt" hatte. Aber der Niedergebrochene hatte nicht nur die Zähne ausgespuckt, sondern gleich soviel Blut gekotzt, daß da nichts mehr zu machen war. Schade, schade!
Ja, der andere Gefangenenwärter, der Mann mit dem Radiergummi, der es nur zum einfachen Mörder gebracht hatte, sah auch nicht so aus. Er hatte Hängeohren, richtige Eselsohren, er sah sehr viel eher ulkig als gemein aus, aber er prügelte im Suff, er hatte zuviel von dem Volkswohlfahrts- Schnaps getrunken.
Unser Vierzehnfacher war nüchtern geblieben, er hatte ja überhaupt nur ganz korrekt auf höheren braunen Befehl gemordet. Ansonsten war er für Leben und Lebenlassen. Als seine Überlebenden zuletzt in einen offenen Viehwagen bei zehn Grad Kälte gepfercht wurden, tröstete er mit der launigen Bemerkung, in fünfzig Jahren spräche kein Mensch mehr davon. Dieser Mörder bleibt eben ein Gemütsmensch!
Und für einen Blaugefrorenen hatte er tatsächlich ein Büchschen mit Frostsalbe bei der Hand, und einem Zitternden soll er seine Thermosflasche mit lachendem Trost an die bleichen
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