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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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streiten wir nervös über meine Fehler. Ansonsten streiten wir, wie lange der Krieg noch dauern könnte. Ich sage sechs Wochen, er drei Monate, darüber kriegen wir einen kleinen Krach.

Der Dritte in unserm Zellenbunde ist ein Kantinenwirt aus Luckenwalde , der die Zäune antihitlerisch bepinselte, weil er Deutschland am Verhungern sah. Er selber hat inzwischen über einen Zentner Lebendgewicht verloren, ist darüber bei­nahe schwermütig geworden und raucht trübsinnig seine ge­trockneten Kartoffelschalen in Zeitungspapier. Nur wenn der Kessel mit dem Essen- Nachschlag in unsere Nähe rückt und die Hoffnung auf eine Kelle Nachkost wächst, dann spitzt er ein wenig die Ohren.

,, Von heut ab hört das Faulenzen auf", poltert es eines Morgens von draußen. Klaus wird umgehend in Zuchthaus­uniform gesteckt und soll ,, Heeresschneider" werden. Wir andern werden vorläufig Heimarbeit auf der Zelle bekommen. Zu diesem Zweck wird mir ein Sack mit geschnittenen, polierten, gebrannten und gelochten Holzteilen vor die Füße geschüttet. Wir sollen diese Holzstückchen abwechselnd mit kleinen Stroh­röllchen auf Drähte ziehen und netzartige ,, Tischtuchschoner" fabrizieren.

Eine Woche lang basteln wir diesen unnützen Kitsch, und wir werden dabei zur Eile getrieben, als ob es sich um das Wohl und Wehe der Rüstung handle. Meine Fingerspitzen werden rissig und gehörnt, sie schmerzen mich des Nachts, und ich fange an, sie wie ein Säugling zu lutschen. Ich muß meine Hände ruinieren, um Tischtücher zu schonen, obwohl es längst kein bürgerliches Gedeck mehr gibt. Diese Schoner repräsen­tieren die ganze deutsche Sinnlosigkeit.

Klaus ist nun doch nicht zu den Schneidern gekommen, aber er friert wie ein Schneider und schielt nun arbeitslos aus einer Zelle schräg gegenüber. Die schäbige, schlecht passende Schand- Uniform schlampt um den verdorrenden, frostgeschüt­telten Körper, und ich sehe, was auch meiner harrt. Es wäre wirklich Zeit, daß die Amis kämen!

Sie schlagen jetzt bei Remagen einen Brückenkopf über den Rhein. Und unsere- pardon, die Hitler- Deutschen haben ihre Offiziere erschießen lassen, die nicht rechtzeitig die Rhein­brücken sprengen ließen. Im Tone blutrünstiger Befriedigung teilt das Herr Himmler als Chef der Nazi- Verteidigung mit. Heil uns, wenn sie sich selbst liquidieren!

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