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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Innerfrankreich. Ich mußte Franzose werden und wurde bald darauf als französischer Sanitäts- Sergeant eingezogen. Bei der Abrüstung der französischen Truppen falle ich doch noch den deutschen Behörden in die Hände. Die erkennen mich als Franzosen nicht an, hängen mir, weil ich im Kriege in einer fremden Wehrmacht gedient habe einfach Landesverrat an, transportieren mich vors Berliner Volksgericht. Da warte ich seit drei Jahren auf den Termin, warte und warte, bis ich ver­faule, denn meine Akten sind unterwegs ausgebombt."

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Der Exmediziner und Hundeabrichter spricht dann von einer geheimnisvollen Krankheit, von einer Nervenlähmung im Hinter­kopf, die ihn manchmal unfähig mache, auch nur ein Glied zu rühren und irgendetwas zu denken. Man müsse ihn dann ein­fach liegen lassen und warten, bis mit der Muskelkraft auch sein Gedächtnis wieder funktioniere, aber er verzieht die Mund­winkel bei diesen Worten, als nähme er sich nicht ganz ernst. Der Fall scheint mir verdächtig, und nach einigen Tagen bin ich in dem Eindruck bestärkt, der Mann habe einige pseudo­medizinische Quacksalbereien an sich selbst probiert. Jetzt spielt er Hokuspokus mit einem Leiden, an das er in wachsen­der Haftpsychose bisweilen auch schon glauben mag. Er ver­sucht es auch mit lächerlich belanglosen Kuren, indem er zum Beispiel die Handflächen stundenlang der Sonne entgegenhält. Das soll den Magnetismus des Weltalls auf ihn übertragen. Er ist ein psychischer Scharlatan, gewissermaßen ein ver­schämter Simulant. Ach, wieviele ringen hier irgendwie am Rande des Irrsinns!

Unser Stabsarzt, ein junger SS - Schnösel, der mit einem Reit­stöckchen ins Spital geschlenkert kommt, will sich mit uns allen medizinisch nicht einlassen. Inzwischen sind uns schon ansehn­liche schwarze, blonde und graue Bärte gewachsen; endlich er­scheint ein Friseur mit der Haarschneidemaschine, um uns damit Kinn und Backen zu scheren. Auch so sehen wir noch ziemlich flauschig aus, meine lose Kinnhaut faßt sich an wie eine Kamelhaardecke.

Als meine Schonzeit abläuft, werde ich mit Sack und Pack in ein kleines Zellenloch gestopft, das ich schon für überfüllt halte, weil es nur eine Klapp- Pritsche und schon zwei Mann Belegschaft hat.

Mit den Zellengenossen, denen ich so dicht auf den Leib rücken muß, als solle ich ihre Atmung belauschen, harmoniere

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