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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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schon auf die gelbfüßigen Hüpfer hoffen. Wie wunderbar klingen die Stimmen der ersten Singvögel für uns Gepeinigte. Singen sie schon wirklich oder singt meine Seele? Man muß nur wacker die Melancholien herunterschlucken mein tapfres Herz erspare dir die depressive Leier, sie ist jetzt überflüssig und unnütz.

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Mein Leidensnachbar löst sich aus dem dunklen Bann der Krankheit, reibt sich die verschwollenen Augen und fragt, was wir hier eigentlich sollten. Darauf ist schwer zu antworten.

,, Ja", erklärt er statt meiner ,,, ich war nämlich zum Tode verurteilt. Vierzehn Tage auf dem Rücken gefesselt, dann sollte plötzlich neu verhandelt werden, wie mir der Anwalt schrieb. Warum, weiß der Henker! Aber ich kam auf Transport und habe keine Ahnung, was jetzt wird. Sonst hauen sie einem womöglich doch noch den Kopp in die Pfanne. Aber wohl nicht gleich, solange man krank ist, bleibt man doch liegen. Mich hat nämlich ein Wachtmeister auf dem Weg vom Schiff zur Bahn mit dem Gummiknüppel links und rechts auf den Bauch geprügelt. Da kriegte ich Nierenkolik. Mein Essen mußt du für mich verstecken. Ich fresse später für zehn. Aber so halbtot darf einen doch nicht der Henker holen."

Die Logik seiner Reden ist gewiß nicht ganz bezwingend, ich verstehe ihn schon. Als Kranker fühlt er sich immerhin noch am sichersten. Er versucht sich aufzurichten, sinkt aber wieder aufstöhnend zusammen.

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, Verflucht, die Nierengegend ist aufgequollen wie'n Hefen­kloẞ. Was hab' ich schon groß gemacht, ich bin doch bloß mit dem Genossen Albert dafür gewesen, daß wir wieder einen roten Landarbeiterverband gründen oder ist das etwa nicht richtig? Sollen uns die Betrüger von der Deutschen Arbeits­ front ewig zum Narren machen? Ich bin Arbeiter, und ich hab für drei gearbeitet. Und spät abends noch im eigenen Stall und Garten. Ich wohne nämlich auf einer Siedlung bei Landsberg an der Warthe . Jetzt ist ja der Russe drin, na der Russe wird schon den letzten verkappten Nazi kriegen. Also mich hat die Gestapo geschnappt, als wir im Schuppen bei meinem alten Genossen Albert' ne Versammlung abhielten wegen dem roten Landarbeiterverband. Ich habe bloß in unserer Siedlung antifaschistische Mitglieder geworben, da bin ich doch so gut wie unschuldig, und dafür ein Todesurteilne, ich danke!"

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,, Mit deiner Unschuld ist das im Dritten Reich nicht gerade weit her", erwidere ich als Fachmann für alle politischen

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