Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
201
Einzelbild herunterladen

gen be­

mach

ch­

her­

Dend

ins­

gen

ein.

urch

Wor­

ach.

sen?

luft

sind

und

sie

end

nen

puk

ser

tehe

micht

alle

ter­

aben

der

kind

inde.

Arzt

den­

en".

xinn,

ge­

iben

wir aden

nicht verraten haben. Was wußten wir andern überhaupt? Wir hatten doch nur geträumt.

Aber wir seien Aufrührer, und jetzt herrsche Standrecht, da müßten wir auf der Stelle erschossen werden. Fesseln zu zweien, und dann dort hinter den Güterschuppen!

Die Maschinenpistole rasselt schon. In dreißig Sekunden werden wir alle erschossen sein.

Mein Gott, warum leben wir denn immer noch? Erst sollen wir nämlich ,, gefilzt" werden. Manch einer vermag sich dabei nicht mehr auf den Beinen zu halten und bricht splitternackt auf dem zerwühlten Haufen seiner Effekten zusammen. Die Transportschergen sammeln nur dürftige Beute ein, Taschen­messer, Nagelfeilen und als einziges Beweisstück für den Um­sturz Ewalds Pistole. Ewald wird gefesselt in den Abort für Männer bugsiert. Der Bahnhofsvorsteher protestiert, daß man seinen Abort durch Erschießen verunreinige.

Mein Gott, wir leben noch immer, wann werden wir nun end­lich erschossen? Die Geschichte wird schon wieder langweilig. Jetzt mischt sich Bürokratius ein. Wer trägt die Kosten für die Beseitigung unsrer blutigen Kadaver? Die Bahnhofskasse lehnt die Haftung ab. Spesen für Massenmord sind im Etat nicht vorgesehen. Man sucht einen Platz, wo wir selber unsere Gräber schaufeln können. Halt! Erst muß noch die Fahndungs­anzeige aufgesetzt werden. Dazu sind Vernehmungen nötig. Der Bürgermeister kommt. Landwacht und Volkssturm soll gegen die entsprungenen politischen Verbrecher eingesetzt werden. Bürokratius feiert telegraphische Orgien. Die baye­rischen Polizeibeamten scheinen etwas Schadenfreude darüber zu empfinden, daß den grosschnauzigen Herren Beamten aus Berlin dieses Malheur passiert ist.

Jedenfalls legt man hier durchaus keinen Wert auf unsre Leichen. Wir müssen weiter. Mit dem Füselieren ist das vor­läufig nichts. Doch unser Inspektor brütet Rache. Wir sollen, solange die Fahrt dauert, keinen Tropfen Wasser, keinen Bissen Brot mehr bekommen. Man rechnet noch mit zwei Reisetagen bis Bayreuth , denn es geht nur noch im Schneckentempo auf Nebenstraßen durch die Gebirge. Die Strafe trifft uns lebens­gefährlich.

Tatsächlich bricht schon gegen Abend eine Art Hunger­delirium aus. Die Gespräche versickern. Die Lungen gehen rasselnd, als seien sie Kettengetriebe. Lippen und Zunge schmatzen sich mühsam etwas Speichel zusammen. Ein Fiebern­

201