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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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., Voorrrsäähung" loben, die den Anschlag im Führerhaupt­ quartier scheitern ließ? Oder ist die näherliegende Ansicht, das Mißlingen des Attentats sei zu bedauern, die richtigere? Ich persönlich erkläre mich mit der Vorsehung, die den Herrn Hitler zunächst noch einmal rettete, einverstanden. Dabei argumentierte ich so: Wäre Hitler am 20. Juli getötet worden, dann wäre zwar der Krieg bald zu Ende gegangen, aber die deutsch - faschistische Bewegung wäre damit nicht in sich zu­sammengebrochen. Der Nazismus würde dann aus der Lüge, nur Hitlers gewaltsamer Tod hätte Deutschlands Sieg verhin­dert, neue Kraft gesogen haben, ähnlich wie der deutsche Nationalismus nach 1918 aus der Dolchstoßlegende .

Jetzt nimmt ein Verschwörer des 20. Juli das Wort, der auch am Abend dieses Krisentages im Oberkommando in der Bend­lerstraße zugegen war. Er wurde von dort zum Gestapo - Keller in der Prinz- Albrecht- Straße auf den Schub gebracht. Daß er nach allen Folterverhören und Todesukassen der Machthaber noch immer lebt, er, der politische Berater des Grafen Stauffenberg- das kann er nur als eine Gnade des Herrgotts betrachten, der eine Zunge der Wahrheit überleben ließ.

Unser Gewährsmann, Dr. G., ein temperamentvoller, energie­geladener Schwabe, ist von Hause aus protestantischer Theologe und Kirchendiplomat; in die antinazistische Militärpolitik mischte er sich um der abendländischen Kultur willen, die er vom Barbarismus des Hakenkreuzes erlösen wollte.

,, Glauben Sie ja nicht, der 20. Juli sei schlecht vorbereitet gewesen." Seine warme Stimme hat etwas schlicht Überzeu­gendes. ,, Es ist erstaunlich", fährt er fort ,,, daß ein so großer Kreis von Verschwörern lange Monate an den Vorbereitungen arbeiten konnte, ohne daß etwas verraten wurde. Die Gestapo hat ja bis zum letzten Augenblick nichts gewußt. Das hat sie am meisten in Wut gebracht. Unsere Reihen zeigten vor und nach der Verhaftung gute politische Disziplin, obwohl die Beteiligten aus den verschiedenartigsten politischen Lagern her­kamen. Es wirkten ja bei uns ebenso Kommunisten wie Monar­chisten mit. Es wäre ungerecht, wenn man die Bewegung als reaktionär abtun wollte. Niemand wollte gestrige Dinge wiederherstellen, jeder war sich der ungeheuren Weltverände­rungen bewußt. Wir kamen spät. Aber wir kamen vielleicht noch zu früh, doch wir konnten nicht länger warten, der Kreis war schon zu groß. Wenn die Gestapo nicht blind war, so mußte sie allmählich dahinterkommen. Wir mußten handeln!

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