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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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Das fahle Morgenlicht des zweiten Transporttages schimmert durch die geöffnete Luke wie ein lungenkranker Mond. Jetzt wird uns manches klar, was wir bisher nur durch die Nase geahnt hatten. Oben der Ozon aus dunkelblauem Kiefernwald am Havelufer, unten die brodelnde Pestilenz. Man hat uns gestern nur ein Stückchen Brot mit salziger Paste als Nahrung mitgegeben, nun meldet sich der bösere Bruder des Hungers, der Durst. Viele Mägen und Schlünde meutern, die Wacht­habenden verordneten das billigste Heilmittel: es gibt auch weiterhin nichts zu trinken. Die Oppositionen heulen in Där­men und Kehlen. Doch es hilft nichts; von oben regnet es durch die umlärmte Luke unflätige Drohungen. Wir sollen nun endgültig erschossen werden.

Aber statt der Kugeln werden aus einem Papiersack zer­krümelte Brote auf unsere Köpfe hinabgeschüttelt. Hände greifen mit gekrallten Fingern, es hagelt Flüche und Püffe. Brüllend schwillt die Woge des Chaos, die Krümel liegen im Unrat, und schließlich sausen Gummiknüppel gegen gesträubte Rücken.

Der Urheber dieser Unordnung ist ein roher Beamtenrüpel aus Moabit , der sich Inspektor und Transportleiter nennt. Wie man es bei niederträchtigen Naturen häufig findet, ist der Mann überdies feige. Wenn wir ,, Wasser! Wasser!" schreien, hält er sich die Ohren zu. Er drückt sich stets aus unsrer Reichweite und wagt nur noch durch einen Spalt auf uns zu wettern.

Wir fahren nur bei Tageslicht, wovon wir freilich kaum etwas sehen; bei sinkender Dämmerung liegen wir am Ufer und frieren in der leichengrauen Kälte ein, während die Wacht­meister am Feuer die Margarine verbraten, die sie als Reise­proviant für uns empfangen und unterschlagen haben.

Nur einer von uns hat Zutritt zur Oberwelt, das ist der hell­dunkle Zeitgenosse Charlie, ein Motorenspezialist, der zuweilen unserer Dieselmaschine auf die Sprünge hilftt. Wenn Charlie nicht tatsächlich viel von Motoren verstünde, so würden wir ihn nur für ein imaginäres Rätsel, für eine Spukfigur halten, die sich zu mitternächtlicher Stunde in den Kreis unsrer Vor­stellungen schleicht. Sein erwiesenes technisches Können ver­leiht ihm Wirklichkeit, alles andre an ihm wirkt wie eine Ausgeburt ungewöhnlicher Einbildungen. Auch der blauschwarz blitzende Haarschopf über den unstet funkelnden Augen er­innert an Geistermasken aus einer romantischen Oper.

Die ganz prosaischen Gemüter behaupteten freilich später,

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