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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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portiert. Über hundert solcher Kleinerchen kamen gestern hier in Tegel ins Kinderheim, immer zu sechsen in ein Bett. Und viele Händchen sollen überhaupt schon ganz schwarz gewor­den sein."

Sie büßen für die Sünden der Väter, geht es mir schwarz durch den Kopf den stabilen Kopf, den Kampfpreis für sechs Monate Schattenschlacht des Geistes. Via mala von Lodz nach Berlin , jüngste Etappenstraße menschlicher Leiden nach mensch­licher Schuld.

Mein nächstes Nocturno durchwogt ein eisiger Traum. Mich fröstelt, mein Kopf erfriert. Er erfriert so heftig, daß er ampu­tiert werden muß. Merkwürdigerweise tut das gar nicht weh. Es ist nur etwas unbequem, ohne Kopf daliegen zu müssen und zu sehen, wie der selbständig gewordene Kopf sich entfärbt und sich in schimmernder Helle aus der Dunkelheit hebt. Ist er jetzt aus Schnee, oder hat er sich in Gips verwandelt? Ich möchte nachfühlen, aber ich kann ihn nicht anfassen, denn meine Hände sind steif und an den Rumpf gefesselt.

Jetzt rollt der weiße Kopf die Wand hinauf, jetzt schwebt er frei im bläulichen Dämmer des Raumes, jetzt steht er auf einem hohen Modelliertisch und hat einen dünnen Eisenhals.

Er ist jetzt in graugrüne Erde zurückverwest, wahrhaftig, das ist ja das Tonmodell im Atelier am Kurfürstendamm , und die schlanken Finger der Künstlerin kneten dran. Wieviel Jahr­millionen ist das her?

Träume ich noch oder wache ich schon wieder? Wo ist mein Kopf? Gottseidank, da ist er, er sitzt wie gewöhnlich auf meinen Schultern. Aber keine Frauenhand streichelt ihn.

Inzwischen identifiziere ich auch den zweiten Kopf meines Traums. Der Bronzeguß steht auf poliertem Granitsockel im Boudoir meiner Frau in unsrem Hause in Frohnau . Der weiße Gipsguß, der durch den Traum gespensterte, steht bei Ursula in Wernigerode . Eine Zeitlang stand er Unter den Linden in der Akademie der Künste. Damals war darunter zu lesen: Dorothea Charoll, Büste eines Berliner Chefredakteurs.' Heute könnte Iman darunterschreiben: Kopf eines Sechsmonats- Simulanten.

Hoffentlich hat der Frohnauer Kopf inzwischen keinen Bombenvolltreffer gekriegt. Splitter würden ihm wenig machen. Hoffen wir, daß er nicht wegen seines Metallwerts geklaut ist. Er muß doch an Stelle des vorläufig verhinderten Hausherrn die Russen als Befreier in Berlin begrüßen.

Ich fasse mir noch einmal an den Kopf. Das ist ja zum

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