müssen, wenn die Zeit des Wahns vorüber ist." Ich bin ganz plötzlich aus der Ironie in die heilige Selbstanklage hinübergewechselt. ,, Ein Stückchen Hitler wütet in uns allen. Der Faschismus ist auch eine allgemeine, zeitgenössische Krankheit, von der sich keiner ausnehmen kann. Hitler ist die Verkörperung eines ganzen Zeitalters, das mit manischer Überheblichkeit, mit krankhafter Selbstanbetung geschlagen ist. Und wenn ich hier verrückt spiele, so tue ich vielleicht gar nichts anderes, als daß ich Hitler parodistisch überhitlere. Weil ich den Wahn mit einem Überwahn beantworte, konnte ich mich wohl nur der bösen Absichten meiner Hitler- Schergen erwehren. Wenn ich noch einmal die Freiheit wiedersehe, dann wird Hitler nicht mehr sein. Und darum frage ich schon heute: wer war er? Hier hatte ein bornierter Mensch ohne Einsicht und ohne Güte das buchstäblich und bedingungslos verwirklichen wollen, was alle andern nur als geistige Versuchung erlebt hatten. Hitler ist also kein Ausnahmefall, sondern ein überdeutliches totales Symptom. Wenn wir Hitler wirklich überwinden wollen, müssen wir den bösen Wahn überwinden, der nicht den Übermenschen, sondern nur das Übertier, die Raubbestie schuf. Also schlicht gesagt, wir müssen aufhören, das Bestialische zu bewundern, wir müssen innerlich umkehren. Wer sich einfach dahin ausreden will, ihn betreffe das alles nicht, der behält Hitler immer noch in seinem Blut."
Der Anwalt war wie ein Angeklagter zusammengesunken. Jetzt richtet er sich sinnend wieder auf. ,, Sie sprechen aus der Tiefenperspektive Ihrer furchtbaren Erlebnisse. Wir in unserer dürftigen Freiheit bohren nicht so heftig hinter die Wand der Erscheinungen. Aber Sie haben recht. Ohne den Willen zur Läuterung hilft es uns nichts, von dieser Zeit erlöst zu sein. Sie, Herr Doktor, haben jetzt eben das große Geständnis abgelegt. Sie wissen, ein Geständnis gehört zu jedem großen Fall. Vor Freisler hatten Sie nichts zu gestehen. Jeder muß sich einmal offenbaren, sei's in seinem Willen zur Güte oder zur Niedertracht. Wir brauchen die Beichte, und das Volk muẞ dabei gleichzeitig Beichtkind und Beichtiger sein. Diese Beichte ist eine sozialhygienische Notwendigkeit, ein säkularisiertes Sakrament der Nation. Ich werde heute nacht noch schlechter schlafen als sonst. Aber um Gotteswillen, die Sprechzeit ist längst vorbei." Der Anwalt springt auf und schüttelt mir die Hände.
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,, Entschuldigen Sie, Herr Rechtsanwalt", versuche ich zu
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