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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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,, Entsetzlich", stöhnt er. ,, Unser armes, deutsches Volk hat sich dem Teufel verschrieben. Und meine Frau befindet sich auch in diesem furchtbaren Mahlstrom der Vergeltung. Es ist ja so schwer, das allgemeine Schicksal zu begreifen, man bleibt gewöhnlich in seinen privaten Nöten stecken, ich jetzt auch."

,, Völker werden leichter wahnsinnig als Individuen", philo­sophiere ich, weil mir nichts Besseres einfällt. ,, Aber Völker werden auch leichter wieder gesund." Es ist ein billiges Philo­sophieren, das ihn nicht trösten kann. Wir sitzen da und schweigen verständnisvoll. Wie wohl mir das tut, mit einem klugen, anständigen Normalmenschen ohne Aufpasser und ohne Tarnung in dialektischer Gemeinschaft zu sein.

,, Sie wissen natürlich nicht, daß man die Russen übermorgen vor Küstrin erwartet?" Er spricht jetzt endlich etwas aus, was schon eine Weile in ihm gewühlt hat. Als ,, Mann von draußen" erlebt er das Auf und Ab der Gespräche längst nicht so intensiv wie der Gefangene, für den ein Gespräch den elementaren Kon­takt mit der Welt bedeutet.

,, Darauf kommt es nicht mehr an, auch Küstrin wird fallen", sage ich selbstsicher. ,, Der Osten marschiert. Als die Russen vor zwei Jahrhunderten die Oderlinie niederkämpften, war der Osten nicht am Zuge. Hitler beschwört vergeblich das frideri­zianische Zeitalter, die Russen werden diesesmal nicht kehrt marsch befehlen. Friedrich der Große war nur ein Glanz­produkt aus dem Jahrhundert der Kabinettskriege. Damals bediente sich der Weltgeist der Geschichte monarchischer Früh­stückslaunen, heute sind die Völker Funktionäre der entschei­denden Gesellschaftskämpfe."

,, Teufel auch, Sie legen ja ordentlich los!"

,, Wir wollen wieder stoppen, Herr Rechtsanwalt. Sonst über­wältigt uns noch das neue Riesentempo der Zeitgeschichte. Seit ich wegen totaler Geistesstörung keine Zeitungen mehr be­komme, schreibt mein Gehirn die fabelhaftesten Leitartikel. Man sollte den Journalisten immer mal für eine Weile die Gazetten entziehen. Wir Zeitungsmenschen ohne Zei­tung, das ist ein phantastischer Zustand auch Raffael hätte ohne Arme und Pinsel wahrscheinlich weniger him­melblau gemalt."

,, Aber ich bitte Sie, Herr Doktor", lächelt der Anwalt ver­legen ,,, Sie dürfen sich meinetwegen nicht derart in geistige Unkosten stürzen."

,, Aber wir alle werden uns in moralische Unkosten stürzen

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