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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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Wieder blinzle ich ihn ironisch an. ,, Ja, was man von mir so alles verlangt, Herr Rechtsanwalt! Da soll ich mich einfach dazu bequemen, wieder gesund zu sein? Glauben Sie denn, das sei alles so leicht? Glauben Sie, ich brauche mich nur zu be­quemen, heute verrückt und morgen normal zu sein?"

,, Herr Doktor," sagt er mit traurigem Ernst ,,, es ist für uns alle sehr schwer. Als Anwalt habe ich die Aufgabe, Ihnen nach besten Kräften Beistand zu leisten, ohne mich mitschuldig zu machen. Ich erlebe Sie als einen geistig gesunden Men­schen. Gleichzeitig will Sie der psychiatrische Sachverstän­dige der Berliner Gerichte für unheilbar geisteskranker­klären. Darüber eigene Kombinationen zu äußern, gehört nicht zu meinen Pflichten. Ich erwäge lediglich die günstige Möglichkeit, die sich aus der einzigartigen Entwicklung Ihres Falles ergibt."

,, Verlassen Sie sich darauf, ich werde mich in jedem Ernstfall zu allem bequemen, was nötig ist. Ich werde auch im Irrenhaus aufpassen und mein bißchen Scharfsinn zusammennehmen. Nun erzählen Sie mir aber bitte, wie es draußen steht. Sehr lange kann der böse Zauber doch nicht mehr dauern."

Er sieht mich sorgenvoll an. ,, Böser Zauber! Verehrter, man muß jetzt vorsichtig sein.- Ach so, pardon, ich vergaß es ganz, Sie haben ja Redefreiheit, Sie sind unheilbar und direkt zu beneiden. Wir andern Sterblichen müssen den Mund halten. Ach ja, der böse Zauber dieser letzten Wochen- ich wage ein­mal Ihr Wort zu wiederholen hat mir übel mitgespielt. Ich hatte meine Frau in Litzmannstadt in Sicherheit gebracht-" Ich springe auf und starre ihn mit geweiteten Augen an. Und diesen psychischen Schreck habe ich nicht wie sonst gespielt, sondern ohne Regie bekommen.

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,, In Litzmannstadt in Sicherheit gebracht?" stammle ich erschrocken nach. ,, Ausgerechnet in Litzmannstadt? In Lodz ?" ,, Ja, warum denn nicht?" fragt er betroffen. ,, Litzmannstadt galt als ziemlich bombensicher, außerdem war die Ernährung dort besser."

,, Um Gotteswillen, Herr Rechtsanwalt." Ich bin noch halb betäubt und weiß nicht recht, weshalb ich das eigentlich sage. ,, In Litzmannstadt, in Lodz , werden jetzt vielleicht die Deut­schen gekreuzigt wie damals die Juden-

Ich breche ab und möchte die Worte in mich zurücksaugen. Aber dann erzähle ich ihm das Inferno, von Lodz , das sich vor einem Lustrum begab.

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