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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Der Obermedizinalrat ist außer sich, er schleudert die Papiere vom Tisch und rast, als warte auf ihn selbst schon eine stille Gummizelle. ‚Im Irrenhaus wird es Ihnen auch nicht besser gehen als beim Volksgericht!

Ich warte den Hinauswurf nicht ab, sondern gehe schon selber. Aber aus dem Türrahmen rufe ich noch zurück:Das Volksgericht ist tot, es lebe das Weltgericht!

Auf das Rasen der Historie folgt die kleine, dunkle Stille im Gefängnislazarett. Die Zeit hält den Atem an, Golgatha liegt hinter einer Nebelwand.

Der Schultze-Pfaelzer kommt auch bald auf den letzten Transport, hat dieschwarze Pest zu Niko geflüstert. Letzter Transport? Das klingt nicht gut, das riecht mir viel zu sehr nachschwarzer Pest.

Doch zunächst bekomme ich Besuch, der Anwalt ist wieder da. Er begrüßt mich mit einer Miene, als wolle er mir zu meinem eigenen Ableben kondolieren.Sie wer- den nun also doch fortgebracht. In welche Anstalt, steht noch nicht fest. Ich fürchte, der Obermedizinalrat hält Sie jetzt für unheilbar.

Großartig! Ich reibe mir die Hände.Dann kann ich also in einem stillen Anstaltswinkel ungestört das Ende des Krieges abwarten, etwa nach dem Horazschen Motto: Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae!

Wo denken Sie hin, sagt der Anwalt bekümmert,In einem haben Sie recht, der Orbis wird tatsächlich bald nur noch aus Ruinen bestehen. Und Sie scheinen noch immer den Kopf recht hoch zu tragen. Aber Ihre Lage ist ernster, als Sie meinen. Wenn Sie nach sechsmonatiger Lazarettbeobachtung als unheil- barer Fall ins Irrenhaus eingeliefert werden so wird man Sie hm hm wahrscheinlich bald liquidieren hm hm durch eine Injektion beseitigen. Es besteht die Anweisung vom Reichsgesundheitsführer

Reichsgesundheitsführer, falle ich höhnend ein.Reichs- gesundheitsführer ist fast so schön wie Reichsbräuteschule.

Ach Gott , was nützt uns schon das Mokieren. Der Anwalt sieht mich mit Betrübnis an. ‚Vielleicht daß ich Ihnen noch etwas raten könnte, Ich glaube ja eigentlich nicht, daß die Ärzte Sie gleich in den ersten Wochen töten werden. Wenn Sie sich also dort nach einiger Zeit bequemen wollten, wieder geistig gesund zu erscheinen, so könnten Sie immerhin noch einmal Zeit gewinnen. Sonst sind Sie unweigerlich verloren.

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