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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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ständiger, dann machen wir heute keine kleinen Faxen, wir machen große Schicksalsdämmerung. Zum Abschied soll Herr Büttenberg ein Dämmerspiel erleben, das ihm nicht jeder ordinäre Hysteriker zu bieten hat.

Meine Sinne und Gedanken kommen soeben aus Lodz . Sie kommen von dem neuen Golgatha. Acht Juden hingen an den Kreuzeshölzern, mit Stacheldraht langsam zu Tode gemartert. Und meine Erinnerungen kommen auch vom bluttriefenden Gla­diatoren- Zirkus auf der Petrikauer Straße, wo sich die Aus­gestoßenen der Ara Hitler freiwillig in den Kampf stürzten, um dem Übermut der Herrschenden ein erregendes Schauspiel zu bieten. Morituri te salutant!

Schon blendet neue Zeitgeschichte auf: Die morituri von gestern sind victuri geworden, Moskau ante portas.

Die Fülle der Gesichte brennt in mir. Wache ich, träume ich? Ach, ich bin wohl noch immer nicht wach, meine Seele schwimmt im Blutsee der Geschichte.

Heute finde ich's zum ersten Male kalt, bitterkalt in Dr. Büt­tenbergs großem Ärztezimmer. Aus Oberschlesien kommen keine Kohlen mehr, der Iwan hat die Gruben besetzt. Ich sehe, Sie reiben sich die frostigen- Finger, Herr Obermedizinalrat. Bald gibt es auch in Berlin Kehraus. Das Spiel geht zu Ende, geben Sie es auf. Jetzt beobachten wir nur noch die Welt­geschichte.

Die ganze Welt ist lazarettbedürftig geworden. Aber Bütten­berg tut, als merke er nichts.

,, Wo haben Sie eigentlich Ihre Gedanken?" fährt er mich an. ,, Meine Gedanken weilen noch auf Golgatha". Ich spreche mystisch und erschüttert und lasse die Augen geschlossen. ,, Auf dem neuen Golgatha in Lodz. - Die acht gekreuzigten Juden lassen mir keine Ruhe mehr. Heilig sei der Stacheldraht, mit dem sie ans Kreuz gefesselt wurden."

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,, Da hört sich doch alles auf", braust Dr. Büttenberg los. ,, Jetzt wollen Sie auch noch auf die religiöse Tour."

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Nun reiße ich die Augen auf und lasse sie flackern. ,, Die Gedanken wandern weiter in die Weltlichkeit, sie wandern von Golgatha nach Rom , in den Zirkus. In Lodz macht die Ent­fernung keine tausend Schritte. Schon stehen wir am Circus maximus , und drunten in der Arena kämpfen die Verdammten um ihr Leben. Von Nero zu Hitler ist nur ein Schritt. Zirkus, Zirkus überall! Da wälzen sie sich schon im Blut. Ave, Caesar! Ave! Aber sie künden sich heute schon als victuri an.

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