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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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peitschen und kurzen Hetzpeitschen bearbeitet. Und konnten sich die Gestürzten und Zertretenen auch vor dem dritten Pfei­fensignal nicht wieder aufraffen und den Straßendamm räumen, so wurden sie von den braunen Polizisten niedergeknallt.

Natürlich durfte das arme, gelbbesternte Freiwild die Petri­kauer Straße nur an diesen ,, Übergängen für Juden" über­queren. Sie hätten wahrscheinlich bald die weiteren lebens­gefährlichen Versuche eingestellt, wenn es nicht von Zeit zu Zeit eine Gnadenfrist gegeben hätte, in der auch diese Unglück­lichsten unter dem Himmlerschen Himmel unbehelligt blieben. So lockte man sie immer wieder zu einem Würfelspiel mit dem Schicksal. Wer in mehreren Wettkämpfen mit Geißel und Kugel Sieger blieb, möchte dieses wilde Spiel mit dem Tode noch einmal versuchen. Das Unheil hat eine verführende Fratze! Je toller sich das Glücksrad dieses Lottos dreht, desto stür­mischer werden Nummern verlangt, denn jede Nummer ist eine Chance! Und die Nummern kosten nichts, sie kosten nur den Einsatz des Lebens, und was ist das Leben eines Lodzer Juden im Dezember 1939 wert!

Ja, so billig konnten sie niemals an der Börse mitspielen, die kleinen und die großen Handelsmänner von Lodz ! Die Sache kostet nicht mal einen halben Zloty Eintrittsgeld, und man zahlt auch keine Verkehrs- und keine Lustbarkeitssteuern. Das muß man nutzen. Gewiß, man könnte eine halbe Stunde Um­weg durch den Vorort machen, man könnte überhaupt zu Hause bleiben, dann brauchte man nichts zu riskieren. Aber ein Leben ohne die Gesellschaft des Dämons ist langweilig.

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Nun, Herr Verteidiger, Sie frösteln, es läuft Ihnen kalt vom Rücken? Haben Sie sich auf der Pétrikauer Straße erkältet?- Gut, wir wollen nach Hause gehen. Meinen Sie nicht, daß Hitler doch wenigstens für blutige Zirkusspiele sorgte, wenn er schon kein Brot geben konnte? Nein, Sie wehren ab. Auch gut. Aber finden Sie nicht doch, daß die Ordnungs­männer der SA sich wenigstens im Schießen auf bewegliche Ziele üben konnten? Sie wollen nichts mehr hören? Sie werfen Ihre Papiere mit allen Nazithesen unter den Tisch! Also wollen wir für heute Schluß machen. Es ist spät und wirklich kalt. Aber es ist noch nicht aller Tage Abend, und es wird in Deutschland noch viel kälter und stürmischer werden.

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Als ich wieder innerlich allein bin, wandre ich noch einmal auf den eisigen Landstraßen der Erinnerung von Lodz nach Litzmannstadt und weiter von Litzmannstadt durch diesen

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