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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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So, ihr seid unschuldig, ihr wißt von nichts? Schuldig sind wohl nur die Gauschulungsleiter, die diese bluttriefende Welt­betrachtung in die leeren Schädel trichterten. Da fällt mir gerade ein ganz kleines Erlebnis Anfang Dezember 1939 auf einem kleinen Bahnhof bei Posen ein. Ich hörte polnische Zivilgefangene in einem Güterzug lamentieren, es war gegen Abend, und es regnete trostlos.

,, Haben die Menschen da drin denn heute wenigstens schon etwas zu essen bekommen?" fragte ich eine Schwester, die gerade Bohnenkaffee für ihren Freund kochte.

,, Nein", erklärte die junge Hakenkreuzschwester patzig. ,, Und die kriegen auch nichts, heute nichts und morgen nichts." Als ich sie finster musterte, zuckte sie die Achseln und ließ sich zu einer Begründung herab. ,, C'est la guerre!" sagte sie ohne Bedauern. Es waren vielleicht die einzigen französischen Worte, die das herzlose junge Ding gewußt haben mochte.

Aber da höre ich schon einen Verteidiger mit dem falschen Zungenschlag der Diktatur einwenden: was beweist denn schon das bißchen Herzensträgheit einer dummen Gans!

Also dann bitte ein anderes Erlebnis, eine Woche später in Lodz , dem düsteren Hauptquartier der Webstühle. Das Grand­Hotel in der Petrikauer Straße hatte eine prächtige Nazi- Fest­kulisse vorgebaut; Baldur von Schirach war nämlich gekommen, um die angeblich volksdeutsch gesinnte Polenjugend von Lodz zu befeuern.

Während ein paar Haufen halbverhungerter polnischer Bürschchen an dem fetten, selbstzufriedenen Baldur vor­übermarschieren mußten und als die Vorkämpfer der künf­tigen ,, deutsch- europäischen Jugendgenerationen" begrüßt wur­den, waren ein paar hundert widerspenstige Jungpolen, die man zum Abtransport zusammengetrieben hatte, in einem Bretterschuppen außerhalb der Stadt tatsächlich verhungert und erfroren, Ich ließ die Mitteilung nachprüfen. Und sie stimmte bis in alle haarsträubenden Einzelheiten. Sobald die Flügeltüren des Schuppens geöffnet wurden, fielen die blaugefrorenen Leichen wie verdorbene Stapel­ware heraus.

Als ich daraufhin den Gebietsführer der Hitlerjugend , einen Studienreferendar, zur Rede stellte, war der Edelpädagoge nicht im geringsten verlegen. ,, Aber wir haben doch", lächelte er mit der verbindlichen Sicherheit eines Karrieristen ,,, mindestens zehn Millionen Polen zuviel, wir können doch eine solche

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