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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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hat,

den

zieht er sich mit den Worten;Ach so, das ist der Verrückte!

entschuldigend zurück.

Meine Freiheitsgöttin dort draußen scheint wieder so plötz- lich verschwunden, wie sie erschienen war.

Ist ihr Bild nur eine Vision gewesen, das überreizte Neujahrs- wähnen eines hysterischen Literaten? Nicht doch, da biegt sie ja am Treibhaus um die Ecke, noch einmal winkt der grüne Hoffnungsschal. Nun weiß ich es wirklich: Das Jahr der

. Befreiung bricht heute an. Ich werde nicht untergehen. Aber

Gott zerstöre in diesem Jahre das Hakenkreuz, das Unglücks- kreuz, das Pestmal des Landes!

Gott schickt mir jetzt die Russen zu Hilfe. Sie kommen wie biblische Rächerscharen, sie vollstrecken den Spruch gerechter Vergeltung. Endlich kommt, was ich kommen sah. Was so viele kommen sahen und doch nicht sehen wollten! Wogegen sich nur künftige Todeskandidaten auflehnten!

Die Schicksalsmaschine, die Hitlers Hybris gen Osten in Gang setzte, walzt nun zu uns heran. Bei Warschau hat sie die Weichsel überquert, in meiner Geburtsstadt die Angerapp.

Aus Lodz , das fünf Jahre Litzmannstadt hieß, fliehen die Deutschen in ganzen Völkerschwärmen. Das Elend der ge- hetzten Haufen, die jetzt durch den östlichen Januarsturm in den polnischen Schneewüsten westwärts zurückjagen, muß grauen- haft sein.

Schreckensbilder bedrängen meine Phantasie, Mitleid be- lichtet den gräßlichen Filmstreifen, der sich in meinem Bewußt- sein abrollt. Mitleid auch mit euch, ihr mitschuldigen Opfer von heute, die ihr kein Mitleid spürtet, als die Besiegten von damals in bitterste Lebensnot kamen. Auch die Deutschen sind zuletzt nur arme, verführte Menschen, mögen sie auch zwölf Jahre lang die Humanität bespuckt haben. Wehe, ihr Unglück- lichen.

Die Deutschen haben das Philosophem vom totalen Kriege, also vom Kriege gegen Schwangerschaft, Kindersingen und Greisenschwäche geprägt. Und wie furchtbar tiefsinnig ihr euch noch aufführt, wenn ihr den Mord an der Menschheit als die höchste Offenbarung geschichtlicher Ordnung gepriesen habt. Ihr schämtet euch nicht, als angebliche Geisteserben von Kant und Hegel auf die Katheder und Tribünen zu treten, um das Ethos des Galgens mit purpurnen Phrasen zu feiern.

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