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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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,, Brüderchen", sagt Mirko nachdenklich ,,, ich will ja gewiß kein gutes Haar an diesem Ley, an diesem Arbeiterverräter und Erzlügner lassen aber weißt du, ganz im Vertrauen, ein bißchen Schwindel muß schon sein. Wie zum Beispiel sollte ich sonster zieht verstohlen eine ehemalige Parfümflasche aus den baumwollenen Busenfalten seines weiten Lazarettchitons- ,, aber sag es niemandem weiter, auch dem Niko nicht, der ist doch hinter dem bißchen Schnaps wie ein Igel her.- Na, dann Prost, so sagt ihr doch in Deutschland !"

Es ist ein ehemaliger Sechsundneunzigprozentiger, der in­zwischen durch allerlei Beimischungen auch nicht edler gewor­den ist. Aber immerhin, es ist eine Weihnachtsüberraschung, und so behalte ich schließlich die zweite Knast- Weihnacht doch noch in gutem Andenken.

Zu Neujahr erwartet mich eine noch viel schönere Über­raschung. Käthe taucht wieder auf, sie steht wie eine dea ex machina mitten im Gartenhof, noch näher vor meinem Fenster­gitter als damals. Nein, sie leidet wirklich an keiner Angst­neurose, doch muß es eine magische Macht gewesen sein, die ihr schon wieder den dreifach versperrten Weg erschlossen hat. ,, Glückauf für das Jahr der Befreiung!" ruft sie durch die hohlen Hände, während ihr langer, grüner Schal wie die Stan­darte der Hoffnung im kalten Winde flattert.

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,, Käthe, Glückauf euch allen Kraft und Trost! Es lebe die Freiheit!"

Ihre großen, guten Augen schimmern, sie winkt mit den beiden, in langen Jahrzehnten abgearbeiteten, treuen Händen. Diese rastlosen Hände! Meine Mutter schrieb mir, daß Käthe nicht davon abzubringen sei, jetzt Nacht für Nacht die schwere, langweilige Stanzarbeit für einen Fernschreiber zu machen, um Geld zu verdienen für mich. Denn die Nazis wollten mir doch wohl das Haus und alles Geld beschlagnahmen; wovon sollte ich also leben, wenn ich wieder rauskäme? Du braves, naives Mädchen! Wenn die Nazis weg sind und ich befreit werde, dann darf ich wieder arbeiten wie in alten Zeiten.

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Und zum drittenmal brülle ich durch das Gitter: ,, Es lebe die Freiheit!" Mir ist, als spaltete ich mich auf im Vorgefühl der Erlösung, und während ich noch hier bin, hat mein befreiter Geist den Kerker überwunden.

Im Schwung der Seele habe ich gar nicht bemerkt, daß der Kontrollbeamte vom Feiertagsdienst soeben die Kerkertür geöffnet und schon den Gummiknüppel gelockert hat. Jetzt

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