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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
165
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machte den heimischen Slibowitz in Ermangelung von Zwet- schengeist mit Hilfe eines Suds von Kunstpfeffer.

Eines Abends, als er mit Leidenskameraden ein ansehnliches Gläschen aufs eigene Wohl geleert hatte, packten ihn die Geister des Aufruhrs, als er gerade die Potemkin-Kulisse Schönheit der Arbeit durchschritt, die den luftlosen Werk- behausungen als eine optisch-soziale Täuschung vorgebaut war. In der Mitte dieses gepflegten Gartenhofes breitete sich wie ein riesiger Götzenmoloch die überlebensgroße Tonbüste des Herrn Dr. Robert Ley , des obersten deutschen Sklavenhalters, aus.|

In einer spontanen Eingebung warf Mirko die leere Flasche dem tönernen Moloch an den Kopf, wobei sich herausstellte, daß dieser Kopf völlig hohl und nicht einmal mehr mit leeren Versprechungen gefüllt war. Nach seiner Festnahme beteuerte Mirko, um nicht des eigenen Kopfes verlustig zu gehen, er sei betrunken gewesen und habe in dem tönernen Monument das Porträt des Fabrikbesitzers vermutet. Jawohl, er hätte gemeint, dieser Mann wäre wohl nur deshalb in der Lage gewesen, sich selber wie ein Landesfürst ein Denkmal zu setzen, weil er ent- gegen den nationalsozialistischen Wünschen so schlechte Löhne zahle. Zu dem Attentat hätte sich Mirko auch in trunkenem Zustand niemals hinreißen lassen, wenn er nicht den vermeint- lichen Kapitalisten für einen Saboteur der nationalsoziali- stischen Arbeitsordnung angesehen hätte,

Der Untersuchungsrichter, erzählt Mirko weiter, hätte zwar bei diesen Beteuerungen wiederholt bedenklich den Kopf ge- schüttelt und einmal gebrummt, da hätte er sogar die Leute vom Balkan für weniger dumm gehalten. Aber dann lautete die Anklage doch nur auf Sachbeschädigung und groben Unfug.

Dem Ley, mein lieber Mirko, erkläre ich mit fröhlichem Lachen,hat einer der Größten im Reiche europäischen Geistes unser deutscher Dichter und Denker Gotthold Ephraim Lessing bereits in genialer Vorahnung ein würdiges Denk- mal gesetzt. Niko brachte mir neulich aus den Tegeler Biblio- thekstrümmern einige Lessingbände. Da fand ich auch das Sinngedicht wieder, das ‚An den Ley betitelt ist. Es lautet folgendermaßen:

‚Der gute Mann, den Ley beiseite hat gezogen

Was Ley ihm sagt, es ist gelogen!

Wie weiß ich das? Ich h ö r ihn freilich nicht,

Allein ich seh doch, daß er spricht!