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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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seinem heidnischen Volksgerichtsladen kräftig verfluchen. Ich balle die Faust und flehe um Rache.

,, Vom Himmel hoch, da komm ich her ich bring euch gute, neue Mär", so singen sie draußen. Unsinn, denke ich ingrim­mig hinter der Kerkertür, eine neue, gute Mär würde es sein, wenn eine Bombe vom Himmel hoch herunterkäme und den Mörderklub in der Bellevuestraße hinwegfegte! Noch ahne ich nicht, daß mich der Himmel in sechs Wochen erhören will.

Meine unweihnachtliche Haẞstimmung hält noch an, als ich trotz meiner Unbotmäßigkeit das rosig- pralle Wurstgeschenk empfange. Aber ich mag sie nicht anrühren. Ich verschmähe Geschenke, und sogar solche aus gutem Pferdefleisch. Wir dürfen uns heute ein Stündchen länger des elektrischen Lichtes erfreuen und haben auch noch einen Liter Nachschlag Linden­tee bekommen. Die Teebrühe schenkt der neue Hilfskalfaktor Mirko aus, ein serbischer Student aus Belgrad , eine schlanke Heldenfigur mit feurigen Augen und schwarzer Schmachtlocke, ein echter Balkanheld. Mirkos Glutaugen flammen Entrüstung; er erzählt, man habe ihm, während er den Teekübel holte, seine Weihnachtsbockwurst geklaut, auf die er sich als lange verhinderter Fleischesser schon so sehr gespitzt hatte.

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In politischer Geberlaune überreiche ich nun Mirko die meine, und gleich ist mir wirklich weihnachtlich zu Mute. Er ist zu Tränen gerührt, umarmt mich und küßt mich nach sla­wischer Festsitte auf die Wange. Wahrhaftig, er duftet ein wenig nach konzentriertem Alkohol wie er das nur fertig gebracht hat! Sollte es ihm gelungen sein, an den streng be­hüteten Medizinschrank des Verwalters zu kommen? Aha, man hat ihm wohl die Bockwurst geraubt, während er auf der Lauer lag, um von dem Spiritus einen Weihnachtschluck zu naschen!

Mirko sitzt wegen Sachbeschädigung in Untersuchungshaft, eigentlich ist er aber ein hochpolitischer Fall. Man hatte ihn vor drei Jahren, wie die meisten Belgrader Studenten, zur Zwangsarbeit nach Deutschland gelockt, und zwar mit der lüg­nerischen Vorspiegelung, er würde nach einem Jahr Fabrikarbeit seine Studien an einer deutschen Technischen Hochschule vollen­den dürfen.

Er mußte aber unter niederträchtigen Arbeitsschikanen in einem Stacheldrahtlager nördlich der Reichshauptstadt weiter­fronen. Um sein elendes Dasein doch wenigstens etwas zu beflügeln, legte er sich auf die illegale Schnapsherstellung und

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