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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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es handelt sich um eine Propagandaoffensive, einen blutigen Betrug, dem das letzte große Grauen folgen wird. Ich höre das Rosseschnauben der Geschichte durch die Fensterpappe.

Noch wirkt die hitlerianische Nervensäge auf die verschleier­ten Gemütsfronten. Noch einmal bebt die antifaschistische Menschheit. Noch einmal wirkt das braune Wüten und kilo­metert Beulen in den Ring um den geschrumpften Machtraum. Die Offensive wirkt bis in unser Leidenshaus, sie macht Niko so kopfhängerisch, daß er meinen ,, Geheimfraẞ" vergiẞt.

Sie wirkt auch, aller besseren Einsicht zum Trotz, auf meine eigene Stimmung, ich simuliere mir selbst den echten Wahn, ich werde irgendeiner Krankheit zum Opfer fallen. Vielleicht ent­steht aus der Kratzwunde an meinem Knie eine Blutvergiftung. Vielleicht ist die Schluckbeschwerde im Halse schon das Vor­zeichen einer Diphtheritis, die in voriger Woche sechs Mann auf der großen Isolierzelle hingerafft hat. Ja, man lebt nicht ungestraft sechs Monate lang als gesunder Patient im Hause des natürlichen Todes, während der unnatürliche Tod ein paar Straßen weiter wartet. Allmählich suggeriert man sich die Krankheiten der Genossen des Elends, und als Hysteriker könnte man sie sogar wirklich bekommen.

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Nur auf die Weihnachtsfeier freue ich mich geradezu kind­lich. Niko und ich umkleiden den Tisch, der als Altar dienen soll, mit Kiefernzweigen, die das Christkind heimlich nieder­legte. Auch ein Harmonium ist da, und ein Spieler probt an den alten Melodien herum. Auf der kleinen Weihnachtstanne stehen zwei Lichtlein, ein gelbes und ein rotes. Bei einer dämmrigen Vorfeier mit den Kalfaktoren deklamiere ich die Weihnachts­botschaft des Lukasevangeliums in der Ursprache vor. A v ὑψίστοις Θεῷ καὶ ἐπὶ γῆς εἰρήνη ἐν ἀνθρώποις εὐδοκίας. Das Glasauge meint, mein Köpfchen sei noch verflucht auf der Höhe.

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Wann wird Friede auf Erden sein? Vorläufig schwillt der Unfrieden weiter. Der Antichrist Himm­ler predigt Terror auf Erden. Das Blut der Gemordeten dampft um alle deutschen Horizonte. In den Vernichtungslagern ver­gasen sie unschuldige Menschen tagaus, tagein zu Tausenden. Aber das alles kann der Weihnachtsbotschaft nichts von ihrer ewigen Herrlichkeit rauben.

,, Schultze- Pfaelzer in die Zelle", schreit mich plötzlich die Filzlaus an. ,, Na wird's bald, was rennt der Mensch hier noch rum!"

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