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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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in dem ersten Weltkrieg die Erfahrung gemacht, daß wir uns alles leisten können, nur nicht einen Zweifrontenkrieg. Und was hat die deutsche Politik nach dieser reichlich teuren Er­fahrung betrieben? Sie hat einen neuen, noch größeren Zwei­frontenkrieg vorbereitet. Oder etwa nicht? Was empfiehlt dieses Gassenjungenlied, das wir als Staatshymne singen mußten: den Kampf gegen Rotfront, also gegen Moskau , und im gleichen Atemzug den Kampf gegen Reaktion, nämlich gegen London und New York . Also frischfröhlicher Zwei­frontenkrieg. Dagegen war das Auswärtige Amt und über­haupt alle höhere Einsicht machtlos. Ich sterbe auf einem Scheiterhaufen meines Metiers und auf dem Trümmerfelde des Reiches. Unser Volk ist politisch talentlos, es kann nur Predigtbücher schreiben."

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Er macht eine Wirkungspause. ,, Das war mein Schwanen­gesang. Bitte darüber keine Diskussion mehr."

Dann springt er aus dem Wasser, das hinter ihm aufsprüht und zusammenschlägt wie ein Sinnbild der Ohnmacht.

Wieder weiß ich nichts Angemessenes zu antworten und folge nur mit Gesten wie ein Parkettbesucher, vor dem sich eine große Welttragödie entfaltet.

,, Einige müssen schließlich als Geschichtsschreiber übrig bleiben. Genauer gesagt, als Memoirenschreiber. Schreiben Sie auf, was Sie erleben! Unsere große Geschichte zerläuft ja jetzt wie ein rohes Ei, das ein Betrunkener auf die Straße schmeißt." ,, Es ist grauenhaft", stöhne ich auf und empfinde mich im nächsten Augenblick wieder banal, als sei ich ein hysterischer Komödiant.

, Wie haben Sie sich eigentlich ein Jahr lang an sämtlichen Henkersknechten des Dritten Reiches vorbeischlängeln können? Ich bin nicht neidisch. Und von morgen schweige ich wie ein Grab." Er fragt mit einer letzten beruflichen Neugier des Diplomaten, der sich pflichtgemäß für fremde Geschäfts­geheimnisse interessiert.

Ungefärbt und ausführlich berichte ich von meinen manischen Kampftänzen mit Dr. Büttenberg.

Der Gesandtschaftsrat hört mit dem sachlichen Ernst eines Fachmannes, der in den Künsten und Techniken der Verstellung ebenfalls Bescheid wissen muß, nachdenklich zu.

Dann urteilt er langsam: ,, Dieser Büttenberg ist ein hoch­intelligenter Mann, der in dies psychiatrische Schachspiel ge­wissermaßen unglücklich verliebt ist. Sonst hätten Sie die

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