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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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Gute, treue Käthe, wie bin ich dir dankbar! Das richtet auf und macht fest. ,, Wie schön von Ihnen", sage ich laut. Aber dann reitet mich doch schon wieder der Teufel, der manische oder der hysterische Teufel, ich weiß es nicht, doch ich füge hinzu: ,, O ja, die neuen, die echten Schlußfassungen für die curricula vitae dieser beiden schwer zu deutenden Deutschen von gestern können wir erst im siebenten Reich schreiben. Ja, und noch ist nicht mal das vierte Reich ausgebrochen."

,, Entschuldigen Sie, Herr Wachtmeister", sagt meine Mutter in hoheitsvoller Bitte um Verständnis: ,, Er ist mit den Nerven herunter. Die Zeiten sind zu schwer."

,, Lassen Se mal, Muttchen", beruhigt der Beamte in seiner denk faulen Stumpfheit ,,, hier im Lazarett kommt's nicht so drauf an, was einer redet. Vielleicht hat er Fieber."

Die warmen Strümpfe, die mir Käthe gestrickt hat, muß ich streicheln, ehe ich sie in die blau- weiße Krankentoga stecke. Nun geht meine Mutter zum Herrn Obermedizinalrat. Wieder tut sie einen Passionsgang für mich.

Ach Mutter, warum mußt du immer wieder für mich nach Golgatha!

Mit dem Spiegel in der Hand und den Strümpfen am Busen ziehe ich heimwärts in die Zelle. Der Spiegel hat einen magischen Zauber, ich sehe mich immer wieder anders verzerrt. Schließ­lich habe ich ja reichlich Zeit für physiognomische Studien. Meine ganze Gesichtsachse scheint schief zu stehn, nicht nur die Nase. Aber soll nicht jeder Mensch zwei verschiedene Gesichtshälften haben, eine richtige und eine falsche? Wie dem auch sei, ich finde mich scheußlich, und daß ich über­haupt die Neigung spüre, mich schön oder scheußlich zu finden, ist unmännlich, also im Grunde- hysterisch!

Vielleicht hat Büttenberg recht. Vielleicht bin ich wirk­lich! Hah, was bin ich, wie bin ich, wer bin ich? Eine Fratze grinst mich aus dem Spiegel an, eine Gauner-, eine Idiotenfratze. Als freches Fragezeichen stehe ich vor mir selbst, eine platzende Maske vor der Entlarvung! Vielleicht bin ich wirklich schon hippokratisch gezeichnet! Ich könnte den Spiegel an die Wand schmeißen, wie ich es neulich mit dem albernen Buch gemacht habe.

Aber da kommt zum Glück mein Freund Martin mit dem Glasauge und greift begeistert nach dem großen, blanken Hand­spiegel, als wäre ihm soeben ein köstlicher Traum in Erfüllung gegangen. Seither kommt er alle paar Stunden, um den Sitz

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