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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Antlitz verhüllt und liegt in krankem Schlaf. Die Vulkane speien jetzt immer an derselben Stelle. Ich lechze vergebens nach der Katastrophe. Um Aachen tobt eine ungeheure Völker­schlacht, und an der Saar sind Hochöfen der Kriegshölle in Betrieb. Aber noch fallen keine Entscheidungen, es steht jetzt fest, der Krieg geht in diesem Jahre Vierundvierzig nicht zu Ende. Die Stimmung unter den Gefangenen, die vom Kriegsende etwas zu erhoffen haben, verschlechtert sich wieder. Sogar der gute Niko ist mürrisch geworden, er wollte Weihnachten da­heim bei dem Maisje, seiner Braut in Amsterdam , verbringen. Die Enttäuschung verführt zu pessimistischen Übertreibungen: Dieser Krieg überdauert vielleicht, wie der Dreißigjährige, die meisten Menschen, die seinen Ausbruch erlebten. Dauert er auch nur noch ein Jahr, so ist meine Aussicht, das Ende zu erleben, gering. Sehr lange halte ich das Verrücktsein nicht mehr durch, die tragische Posse muß einmal enden.

Dr. Büttenberg hätte längst sein Urteil sprechen müssen; warum zögert er? Ist er wirklich ratlos, ist er zu gewissen­haft? Von dem Medizinkalfaktor habe ich erfahren, daß der Volksgerichtshof neulich schon schriftlich angefragt hat, wie es um mich stünde. Die Schwere der Anklage lasse eine weitere Verzögerung des Prozeßganges nicht geboten erscheinen.

Ich warte, alle warten. Worauf wartet Büttenberg? Daß ich ihn nicht durchschaue, macht mich erst recht nervös. Ob er mich retten will? Aber wie?

Mein Anwalt besucht mich. Er weiß zuerst nicht recht, wie er sich mir gegenüber verhalten soll. Daß ich hundertprozentig simuliere, möchte ich ihm nicht verraten, das könnte ihn doch beruflich beschweren.

,, Mir unbegreiflich", erklärt er ,,, wie Sie das fertig be­kommen, sich vier Monate ergebnislos auf den Geisteszustand beobachten zu lassen." Er schüttelt wohlwollend das gräm­liche Haupt.

,, Sehen Sie, Herr Rechtsanwalt, ich bin hysterisch. Der Herr Obermedizinalrat hat es selbst gesagt. Auch als Hysterischer neigt man dazu, sich bisweilen völlig exaltiert zu benehmen, gewissermaßen sich krankhafter darzustellen, als man wirklich ist." Ich sehe ihn bedeutungsvoll an.

,, Ach so, Sie wollen sagen, daß Sie mit einer kleinen künst­lichen Nachhilfe Ihre Krankheit verdeutlichen. Hm, ich habe Sie anfangs dazu ermuntert und wünsche Ihnen natürlich als Ver­teidiger und als Mensch alles Gute. Aber wo soll das schließ­

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