Anno 1920 engagierte ich sie als jüngste Stenotypistin für meine Zeitung, sie war damals achtzehn, kam aus der Kleinstadt und hatte ein linkisches Auftreten. Da sie so schrecklich tüchtig war, wurde sie bald bei mir Privatsekretärin. Wenn ich im Laufe der Zeiten meine Stellungen wechselte, nahm ich sie mit, und wenn ich zeitweilig selbständig arbeitete, ging es schon gar nicht ohne sie.
Seit ich samt Frau verhaftet bin, betreut sie meine alten Eltern in meinem Frohnauer Hause, denn auch sie sind schon seit dem Vorjahre ausgebombt. Käthe grämt sich nächst meiner Mutter am meisten von allen Menschen über meine Gefangenschaft, sie ist unablässig bemüht, meine Lage mit List und Hartnäckigkeit zu erleichtern. Im Gestapo - Hause in der PrinzAlbrecht- Straße kannte sie keine Furcht vor den frechen SSStrolchen. Einmal vernahm ich dort von weitem folgendes Zwiegespräch: ,, Det Määchen von dem Fünfer is schon wieder da." ,, Schmeiß se raus!" ,, Det sachste so. Die jeht nich wech. Die läßt sich nich rausschmeißen." Und der Fünfer, nämlich ich, bekam seine Wäsche und sogar sein belegtes Butterbrot.
Nun ist Käthe stellvertretende Hausfrau in Frohnau geworden, sie hat sogar den ganzen Garten mit Gemüse bestellt und schickt meiner Frau und mir darüber Ernteberichte.
Käthe steht jetzt also, wie aus dem Boden gezaubert, im Lazaretthof unterhalb meines Fensters und winkt. Wie ist sie nur hierhergekommen? Wie in aller Welt durchschritt sie drei verschlossene Tore? Das ist ja eine Tibet - Expedition. Ja, wenn man freilich fünfundzwanzig Jahre bei einem alten Berliner Journalisten mitarbeitete, dann hat man etwas gelernt. Dann läßt man sich eben keine Türen vor der Nase verschlossen halten. Ich bin ordentlich stolz auf sie.
Niko hilft mir das Fenster öffnen. So, nun können wir miteinander sprechen. ,, Guten Tag, Herr Doktor, sind Sie auch wirklich gesund?"
,, Guten Tag, Käthe, ja ich bin gesund, es geht mir alle Tage besser. Mein Kopf funktioniert wie noch nie!"
Schockschwerenot, da muß gerade ein Wachtmeister vorüberkommen. Jetzt gibt's ein Hakenkreuzbomben- Donnerwetter. Aber Käthe sagt nur naiv und schalkhaft ,, Heil Hitler !" Er hebt ein wenig die Hand und trottet weiter. Gott , muß der Mann gedöst haben. Käthe sah wohl gar zu ungefährlich aus.
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