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du wirklich ausgezeichnet! Könnte man dich unserm Ober- medizinalrat nur ganz dicht vor die Augen halten. Gefängnisse sind wohl schon immer eine„schädliche‘‘ Umgebung gewesen, und nun gar zur herrlichen Nazizeit. Und für Hysteriker sind sie das reine Gift. Auf das Allheilmittel des Köpferollens noch und noch, das die„schwarze Pest‘‘ vorschlagen würde, möchte meine Bescheidenheit lieber verzichten. Wieder bescheide ich mich in Geduld, auch wenn das gar nicht hysterisch ist.
Der Herbststurm zaust im letzten goldbraunen Schleierstoff der‘alten Linden, die den steinernen Pfad zur Anstaltskirche schmücken. Die Platane vor meinem Fenster wehrt sich mit verkrampften Armen gegen die Vergänglichkeit. Stürme fegen den Himmel grün. Aus dem Baumstamm züngeln die Schlangen, die Erinnyen meiner verwüsteten Gegenwart. Der Blätter- wirbel im Hof der Verdammten hat den düstern Rhythmus nordischer Balladen. Ich spüre die Schauder Ossians. Man muß wohl Iyrischer Dichter hinter Gittern sein, um das nachzu- empfinden. Gefangene werden ja gern zu Dichterlingen, sofern sie nur einen illegalen Bleistift besitzen.
Heute feiert meine liebe Mutter ihren achtzigsten Geburts- tag, wir haben den 1. November. Schon seit dem Erwachen weilen meine dankbaren Gedanken bei ihr. Aber ich habe ihr keinen Glückwunsch schicken können.
Gewiß, es hat mich niemand daran gehindert, ich hätte ohne Umstände rechtzeitig schreiben können, aber ich durfte es ja aus einem intimen Grund nicht tun: ich bin nämlich geistes- gestört. Schreibe ich vernünftig, so gefährde ich meine letzte Existenzform, schreibe ich verrückt, so wird der Brief entweder nicht befördert oder ich mache ihr mit meinen Zeilen mehr Kummer als Freude.
Mittags ruft Niko in die Zelle, ich solle mal schnell ans Fenster gehen, ganz schnell! Herrgott, ich traue meinen Augen nicht, da unten steht Käthe, meine alte, treue Sekretärin. Nein, es ist keine Sinnestäuschung, da steht sie leibhaftig mit dem kleinen, zerdrückten Hütchen und dem alten Regenmantel; sie ist ja schon lange ausgebombt und hat wirklich nichts mehr anzuziehen. Offiziell besuchen darf sie mich nicht, der Volks- geriehtshof hat meinen Antrag abgelehnt, denn sie besitzt nicht die Eigenschaft als Angehörige, obwohl sie in diesem Jahre e einem Vierteljahrhundert zu mir gehört wie meine rechte
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