,, Ach, jetzt wollen Sie mir auch noch den wilden Mann vorspielen. Freundchen, da wird nichts draus."
,, Momentchen, Herr Geheimrat. Lassen Sie
lassen Sie. Ich muß mich üben. Immer feste druff! Sonst geht mir noch die Puste aus. Ich melde mich freiwillig, ich bin so gesund, und so jung kommen wir nie mehr zusammen. Also auf in den Kampf, den Bolschewisten einen Pereatschluck! Auf in den Kampf! Der liebe Gott marschiert mit ruhig festem Tritt!"
Während ich ausgelassen um den Tisch trabe und meine Redensarten herausstoße, versuche ich ihn doch zu beobachten. Er greift schon wieder nach einer Zigarette, das ist ein gutes Zeichen, dann weiß er nicht weiter, dann stockt seine Weisheit. Ja, es ist anstrengend, Gerichtspsychiater zu sein! Beantragen Sie eine zweite Raucherkarte! Aber denken Sie nicht, ich hätte es leichter! Mir macht dieser Blödsinn, zu dem das Tollhäuslerspiel des Hitlerismus uns alle beide verurteilt, schon lange keinen Spaß mehr.
,, Hören Sie mal zu!" Er ruft mich in einem Ton an, als wolle er einlenken. ,, Wenn ich Sie mit Ihrer Mutter zusammenbringe, werden Sie sich dann auch so benehmen?"
Diese unerwarteten Worte versetzen mir einen elektrischen Schlag. Ich hemme meinen Schritt, ich bin wirklich bestürzt, obwohl ich doch eigentlich damit hätte rechnen müssen.
Jedenfalls bin ich jetzt aus der manischen Rolle gefallen und biege mich wohl am besten ins Depressive um. Da ich echte Rührung spüre, fällt mir der zwanglose Übergang ins Weinerliche nicht schwer. ,, Ach, meine gute Mutter! Sie wird noch vor Kummer sterben, wenn ich dauernd verfolgt werde. Retten Sie Deutschland , Herr Geheimrat. Dann retten Sie auch meine Mutter und mich!"
Der Gedanke, daß mich meine liebe, alte Mutter auch einmal verlassen müsse, überfällt mich wie eine schwarze Regenwolke. Schon triefen die Tränen, und diese stillen Tropfen in den Augenwinkeln sind nicht für das Schauspiel bestimmt. Ein graues Gefühl der Verlassenheit kriecht auf mich zu und schlägt mich melancholisch in nasse Tücher.
Der Obermedizinalrat setzt schon wieder eine Zigarette in Brand, es muß die letzte sein, ich habe gezählt. Wenn er gar nichts mehr zu rauchen hat, wird er für heute Schluß machen. Ich habe in jüngeren Jahren lange genug geraucht, um mich noch in die Nervenseele eines Rauchers einzufühlen. Vorläufig hat er noch zu rauchen, und mir rinnen die sentimentalen Tropfen.
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