helfen Sie mir doch, sonst erwürgen sie mich!" Ich lasse es zweifelhaft, ob ich den Schlangen diese Würgeabsichten zutraue oder anderen geheimnisvollen Attentätern.
Von den Schlangen will ich heute lieber nicht mehr reden. Mit dem Schlangenwahn hatte ich Pech, ich hätte mich lieber mit einer leichten Gehörshalluzination produzieren sollen, denn erstens sind akustische Sinnestäuschungen viel häufiger, und dann lassen sie sich natürlich bei simulierender Darstellung viel leichter mimisch bewältigen, weil das Auge, dieser verräterische Menschenspiegel, nicht mitzuwirken braucht.
Die verschlossenen Blicke des Herrn Obermedizinalrats heften sich an meinen Mundfalten fest, er möchte jede Silbe meiner Rede einzeln verhaften, um den Worten das Geheimnis zu entreißen. Sein Schweigen scheint zu sagen, ich solle weiterspielen.
Meine Bewegungen müssen, da ich mich zur Zeit im Zustande der melancholischen Depression befinde, auffällig langsam sein, ich bitte also mit halb gelähmter Zunge um ein Glas Wasser, und als er Gewährung nickt, brauche ich mindestens eine volle Minute, um das Glas zur Hälfte zu füllen und einen kleinen Schluck zu trinken. Schon setze ich mit einer Angstgrimasse ab und murmle wie im Selbstgespräch: ,, Wenn das bloß nicht vergiftet ist bitter wie Blausäure- pfui, und der schwarze Faden drin, das ist wohl schwarze Galle."
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Im gleichen Augenblick starre ich Büttenberg mit echtem Schreck, in einem ureigensten Entsetzen an. Herrgott, das war gewagt, ich habe eben zwei Halluzinationen kombiniert, eine Geruchs- und eine Gesichtshalluzination.
Ob diese Verbindung überhaupt im psychiatrischen Regelbuch vorkommt, weiß ich nicht, auf jeden Fall wird sie nicht häufig sein. Und dann, wie unvorsichtig, von schwarzer Galle zu reden, wo doch Melancholie auf deutsch nichts anderes als Schwarzgalligkeit heißt. Ich bin demnach einer sprachlichen Assoziation erlegen.
Meine Angst darüber ist wahrhaftig echt und deshalb offenbar gut gespielt, ich fühle es, ich lasse nun die Mundstellung lähmender Furcht eine ganze Weile auf ihn einwirken.
Endlich scheint er zu erweichen, seine steinerne Ruhe geht in nervöse Planlosigkeit über. Ich spüre aus seinem Unterbewußtsein ein Mitleid aufquellen, das sich gegen sein ärgerliches Unbehagen in der festeren Bewußtseinsschicht durchzukämpfen hat. Jetzt siegt das Mitgefühl über das Mißtrauen, er spricht
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