Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
107
Einzelbild herunterladen

freiwillig folgen, er hat meine Hemmung auf psychoanalytisch geschickte Art verdrängt und ist jetzt der Stärkere.

Wir stehen an dem großen Fenster zum Gartenhof. Vor uns erhebt sich der dicke, glatte Stamm der Platane, der sich schon auf niedriger Höhe in dicke Arme teilt. ‚Na, was sehen wir denn? Ich finde nichts Besonderes. Es ist alles wie immer. Sie dürfen sich bloß nichts einbilden. Sie müssen sich immer vor Augen halten, daß hier alles in Ordnung ist. Nirgends sind Sie so sicher aufgehoben wie bei uns. Hier kann Ihnen nichts passieren.

Jetzt habe ich einen schwachen, einen fehlerhaften Moment, ich verliere den mimischen Anschluß, denke wie ein normaler Mensch darüber nach, was jetzt zu machen sei. Und endlich mime ich meine depressive Sinnestäuschung viel zu gekünstelt. Das sind doch Schlangen, die da am Baum in die Höhe kriechen.

Es klingt nicht glaubhaft, ich weiß es sofort, ich kann es aber nicht mehr ändern, nicht einmal durch Wiederholung bessern.Die Schlangen, hätte ich vielleicht sagen sollen, die Schlangen kriechen ja immer noch rum. Tatsächlich habe ich aber nicht aus mimisch innerviertem, visuellem Erlebnis ge- sprochen, sondern einen intellektuell ertüftelten Einfall vor- getragen.

So leicht ist Herr Büttenberg denn doch nicht zu täuschen. Da könnte ja schließlich jeder- kommen und ihm den Verrückten vorspielen. Seine ganze Haltung wird anders, er stellt sich mir- schroff gegenüber, mustert mich kalt und stellt die schneidende Frage:Sie behaupten also eine Gesichtshalluzination zu haben?

Was soll ich darauf antworten? Bin ich verloren? Wenn meine nächste Äußerung eine Dummheit wird, dann muß ich seinen verächtlichen Zorn zu hören bekommen: scheren Sie sich raus, Sie sind entlarvt. Schon spüre ich eisigen Angstschweiß im Nacken. Ich habe Furcht, eine echte Furcht vor längst be- fürchteten und vor unbekannten Dingen. Und meine echte Angst muß mich retten, es ist die natürliche, gesunde Menschen- furcht vor dem Tode. Eine gesunde Angst befähigt mich, die kranke Zwangsangst überzeugend darzustellen. Die Psychiatrie hat eine eigene Lehre von den Phobien, den Furchtzuständen, ausgebildet. Ich brauche sie jetzt nicht im einzelnen zu kennen, ich muß es einfach wissen, ich-will siegen.

‚‚Warum helfen Sie mir nicht? schreie ich verzweifelt. ‚So

107