Hegel meint, alles Wirkliche sei auch vernünftig. Das ist ein gewaltiges Wort, ich liebe es. Aber stimmt es auch? Durch Unsinn zur Vernunft. Der Lebenswille adelt den Betrug. Hinter den Kulissen des Irrsinns wächst die neue Wirklichkeit.
Wieder taucht eine Woche ins fern hindonnernde Elend. Verdun ist gefallen, das Sternenbanner weht in Brüssel und Lüttich , das Kriegsgeschehen hämmert schon wieder am deutschen Westwall. Meine Wenigkeit hat Frieden gehabt. Ich warte täglich auf den Fortgang der ärztlichen Offensive gegen die Tarnstellung, die mein umstrittenes Haupt bezogen hat.
Büttenberg strahlt so siegessicher, als ich mit hängendem Kopf und eingezogenen Schultern im Türrahmen stehe. ,, Kommen Sie, ich denke, wir werden uns heute vorzüglich verständigen."
Er streicht sich gutgelaunt und zufrieden die Hände, er möchte seine Sache heute auf möglichst zwanglose Weise weiterkriegen. Aber ich stehe noch immer auf demselben Fleck, setze mimisch zu Bewegungen des Weiterschreitens an, doch komme ich dabei höchstens um einen halben Schritt weiter. Ich habe nämlich eine Zwangsneurose eingeschaltet.
Das neurotische Symptom besteht in der Zwangsvorstellung, ich dürfe mich nicht dem Fenster nähern. Aber davon lasse ich noch nichts merken, man kann nur erkennen, daß ich nicht von der Stelle komme und selbst darüber ganz verzweifelt bin.
,, Ja, was haben Sie denn, was ist denn da schon wieder mit Ihnen los?" Er ist offenbar mehr neugierig als ungehalten. Als ich immer noch nicht weiterkann, erhebt er sich leicht und kommt mir mit ausgestreckter Hand entgegen. Behutsam wie ein gutes Kindermädchen faßt er mich beim Arm und will mich vorwärts ziehen.
Ich zittre ein wenig, starre schmerzerfüllt auf den Boden und sage schließlich in ängstlich bittendem Ton: ,, Ach, Herr Direktor, wenn Sie gestatten würden, dürfte ich nicht hier bleiben? Ich möchte nämlich nichtverzeihen Sie schon tausendmal ich möchte nämlich nicht ans Fenster. Eigentlich geniere ich mich, das zu sagen, es ist mir so peinlich, aber Sie sind ja Arzt-"
,, Da müssen wir beide gleich mal nachsehen. Ich bin selber gespannt, was es da am Fenster gibt. Vorwärts!" Mit diesen entschlossenen Worten packt er mich fester, nun muß ich ihm
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