weise stumpfsinniger und teilweise tobsüchtiger Greis von über siebzig, der in einer grünen Phantasieuniform mit Korken- zieherhosen herumlaufe, weil er mal irgendwo Militärarzt ge- wesen wäre. Man sage in Hinterindien und mit extra Tropen- koller. Wenn man sich vor ihm schneidig brüllend melde, sei alles in Butter, dann dürfe man meistens hier noch etwas weitermachen. Wer aber maulfaul bleibe, fliege gleich raus.
Das klingt meinen Ohren durchaus nicht verlockend. Mehr - Vergnügen machen mir Nikos Geständnisse über seine Straftat. Also er ist ein zwangsverschickter junger Lastwagenfahrer aus Amsterdam , der zuletzt mit einem Milchwagen durch Potsdam kutschierte. Dabei habe er täglich seine fünf Liter Vollmilch geschlaucht, was ihm ja sichtbar gut getan hat. Aber einmal sei er von einem Schupo geschnappt worden, da habe es wegen Kriegswirtschaftsvergehens neun Monate Gefängnis gesetzt. In seiner Heimat würde er natürlich als Politischer gelten, denn in den freien Niederlanden sei das Milchtrinken sehr geschätzt und durchaus nicht wie in Nazi-Deutschland fürErwachsene verboten.
Inzwischen habe ich herrlich gebadet und fühle mich wie neu geboren. Jetzt möchte ich mich in mein weiches Frohnauer Bett legen und in die Demokratie hinüberträumen.
Leider bin ich für unabsehbare Tage und Nächte dienstver- pflichtet, habe die seltsame Aufgabe, verwirrt zu sein, was mir heute durchaus nicht gelingen will. Warum sollte ich auch vor diesem braven, schlichten Niko eine Manie oder Paranoia schau- spielern. Seine wirklich gesunde Art ist entwaffnend.
Liest er meine Gedanken? Er sieht mich pfiffig an, als er mir den blauweiß gestreiften Lazarettkittel reicht.
„In dieser Kluft‘‘, erklärt er,„sieht beinahe jeder wie ein Kranker aus, Ich glaub’, dir fehlt nichts Besonderes. Hast wohl auch die Terminkrankheit, willst nicht vors Volksgericht. Kann man verstehen. Mal holen sie dich aber doch. Für ewig hat sich noch keiner gedrückt, außer so—‘. Seine Handbewegung deutet auf Erhängen.„Aber das ist Unsinn. Man haut noch früh genug in die Grube. Also zunächst viel Glück. Mach’s gut!“
Als er mich zur Zelle bringt, faßt er mich vor der Tür noch einmal beim Arm.„Daß du mit dem Schlenk zusammenliegst, ist ja gerade nicht gemütlich. Da mußt du aufpassen, der ist bald zu allem imstande. Er wird nämlich allmählich durch- gedreht, weil er seine Krankheit immer mehr übertreibt, um nicht mehr zum Termin zu gehn. Womöglich hängt er sich eines Nachts noch auf. Und dann heißt es, du hast es nicht ver-
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