Norden. Die Fußgänger schleichen an den monotonen Stucktrümmern entlang, als fürchteten sie sich vor Entdeckung. An allen Brücken und Bahnübergängen lauern Posten mit Schießmaschinen.
Also doch nach Tegel , wie der Anwalt für mich hoffte. Ich fürchte mich ein wenig vor dem kommenden Nervenkampf mit den Hausvätern, diesen Giftdrachen der deutschen Gefängnisse. Bei diesen heutigen Temperaturen werden sie wohl nicht betrunken sein, aber vielleicht von den Strahlen der politischen Hitze gestochen.
Wir warten lange in einer düsteren Halle mit vernagelten Fenstern auf die ungastliche Aufnahme. Die Gerüchte wuchern urwäldlerisch wie Orchideenblüten in der tropischen Diktatur der Sonne.
Manche fabeln von Befreiungsdivisionen, die auf Berlin marschieren sollen. Andre erzählen, Himmler sei erschossen. Ich wage nichts dergleichen mehr zu hoffen. Aber der Iwan hat die deutsche Mittelfront total durchbrochen, die Russen nähern sich der ostpreußischen Grenze, die roten Armeen drücken ihre Klammern schon um Warschau .
Die Deutschen haben doppelt versagt, als Eroberer und als Empörer. Jetzt geht die hohe Rolle der Befreiung auf die Feinde über.
O armes Deutschland , du Herzland der Völkertragödien! Ich muß dich erst mithassen, um dich noch einmal mitlieben zu dürfen!
Das große Zellenhaus von Tegel schimmert in sauberer Feuchte, als hätte ein großer Auswanderungsdampfer eben klar Schiff gemacht. Und auch mein kleiner Einzelbunker hält auf Reinlichkeit, ich finde sogar ein Wasserglas und einen hölzernen Brotteller.
Nur diese Luft! Welch fürchterliche Luft! Zwischen Himmel und Erde wallt die kochende Glut. Das wird die Nacht der unerlösten Seelen. Der Mond stößt Angstschweiß aus, da hängt er am niedrigen Bleidach des Firmaments, von giftsüßen Nebeln triefend überspielt. Ein wahres Menschenfresserklima! Alarm. Eine Bombe kracht. Irgendwo splittert ein Fenster, was geht's mich heute an.
In der Morgendämmerung gedeihen die Krankheiten des Gemüts wie Parasiten. Ich möchte meinen Geist in Aufruhr bringen, ich möchte alle Krankheiten der Welt aus der Gehirnhaut fiebern.
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