Er lächelt in liebenswürdigem Weltschmerz. ,, Hoffentlich kommen Sie heute wenigstens nach Tegel. Das Tegeler Gefängnis ist immerhin erträglicher als diese schreckliche Lehrter Straße . Wie ich heute im Volksgericht hörte, wird die Lehrter Straße für die verhafteten Verschwörer freigemacht."
,, Verschwörer! Warum sagen Sie nicht Freiheitskämpfer! Warum zollen Sie nicht den Männern, die dem Nazi- Wahnsinn Widerstand entgegensetzen, Ihre Bewunderung?"
Ungläubig fragend sieht er mich von der Seite an. ,, Glauben Sie wirklich, daß diese- sagen wir diese Aufständischen ernste politische Überzeugungstäter sind? Oder haben wir es vielleicht nur mit mißvergnügten Konjunkturisten zu tun, die bei Hitler keine Chance mehr sehen und aus Mangel an Erfolgen aufsässig geworden sind?"
Seine kritischen Worte treffen mich wie ein Dolch. Denn ich spüre plötzlich das Berechtigte seines Zweifels. Gibt es noch Helden in solcher Zeit? Hätten wir nicht alle miteinander viel früher die Tapferkeit des Herzens beweisen müssen? Wenn nun ein unerbittliches Weltgericht nur von der Revolte der Konjunkturritter sprechen wollte?
Ach, das Heldentum zerblättert im Winde der Wirklichkeiten wie eine prunkende Mohnblume in der Julinacht. Ich möchte die Augen schließen und nur noch in edlen Phantasien leben, ich fürchte die Wahrheit, möchte in heldische Spiegelungen tauchen. , Herr Rechtsanwalt", sage ich krampfhaft ,,, haben sich die Männer nicht in den Brand der Übel gestürzt wie Märtyrer in den Scheiterhaufen?" Ich fühle mich von meinen Worten nicht mitgerissen, und ich reiße ihn erst recht nicht mit.
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,, Ich habe keine Illusionen mehr, es ist schon zuviel in uns verbrannt", erwidert er gedämpft. Er reicht mir die Hand. ,, Und vergessen Sie mir nicht, daß Sie am Leben bleiben wollen."
Das große Umräumen in den Berliner Gefängnissen geht gleich los. Die Unruhe wächst. Draußen werden Befehle gebrüllt und zurückgenommen. Das Packen kann nicht schnell genug gehen, bald stehen wir neben der Zentrale schwerbeladen und schweißtriefend aufgereiht. Wie immer in solchen Fällen geschieht dann vier Stunden lang nichts.
Jetzt kommen sie, besiegte Rebellen und verspätete Bekenner. Sie wollten keine Verlierer sein, und nun sind sie doch verloren.
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Es mögen ihrer zweihundert sein, sie werden in der


