Alle richten plötzlich Blicke, wie Nadeln nach meiner Ecke. -Vielleicht war ich unvorsichtig. Angste schlingen sich um meine Kehle. War da Verrat im Spiel? Wie konnte ein Stauffenberg fehlen! Das ist ja zum Tollwerden. Ich kann keinen Ton mehr herausbringen, und das Interesse wendet sich von mir ab, denn meine Nerven scheinen nur ins Sinnlose überspannt zu sein, und das ist hier alltäglich.
,, Kinder, ick kann euch flüstern", erzählt der Figaro, während er tut, als beseitige er wirklich die Bartstoppeln ,,, in Berlin ist verdammt was los gewesen, und heute benimmt sich die Polizei, als sei schon Revolution. In der Bendlerstraße war gestern' ne jroße Schießerei, und an der Potsdamer Brücke hat's auch geknallt. Und aus Wünsdorf ist die Panzerdivision losgezuckelt, die wollte auch gegen Hitler marschieren, und den Goebbels hätte das Wachregiment beinahe verhaftet, na, ick sage schon, Klamauk ist noch und noch. Und vielleicht ist morjen schon richtige Revolution und Frieden."
,, Frieden", summt das ungläubige Echo unserer ,, Rasierer " wie im Chor.
Das hohe Vokalgewoge der Internationale zittert gedämpft durch die Galerie. Und mancher, der mit dem echten Sozialismus noch keine Berührung hatte, haucht beseeligt ein paar Töne mit. Das quillt anders aus der Menschenbrust als der blutrünstige Horst- Wessel - Schrei aus der Moabiter Gosse.
Die Begriffe OKW und Wünsdorfer Panzer elektrisieren mich. Die Wünsdorfer waren zurückgehalten für den letzten Ernstfall, wenn es gegen Hitler ginge! Schon steige ich auf springende Säulen der Vision. Ich sehe mich auf dem Lukendeckel des Panzers stehen. Um mich her wogt hungerndes, dürstendes, sehnendes Volk. Und tausend Hände recken sich zum verhüllten Himmel. Ich will mit ihnen sein, ich will die abertausend Hände drücken, bis sie wachsen, immer länger und länger, immer höher und höher, bis sie in den Himmel reichen und den Vorhang zerreißen. Da umfließt es uns in goldner Helle: Friede, Freiheit!
Eben noch blind und taub vom Strahl und Donner des Krieges, umarmen wir uns mit Kinderträumen im Herzen. Brüder, die Pforte steht uns offen, die Pforte zur Heimkehr in den Geist und die Liebe!
Unter mir aber, im Bauch der Maschine, knattern nicht mehr tödliche Entzündungen, ich höre den friedlichen Hammerschlag des neuen Schaffens, es riecht schon nach Brot und nicht mehr
57


