Brot baten." Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, da will sie mir schon wieder etwas Tröstliches sagen. Mein Zustand verträgt nicht die Urteilsstrenge, die sie früher in unserer Unterhaltung gewöhnt war.
,, Diese Lehrter Straße soll ja auch das finsterste Haftlokal von Berlin sein", klage ich ohne Überlegung. Da ist die Dummheit raus.
,, So' ne Frechheit", kräht es aus der Amtsvisage. ,, Die Sprechstunde ist abgebrochen. Kommt das nochmal vor, gibt's vierzehn Tage Dunkelzelle." Ich höre meine Mutter noch einmal aufweinen, dann schnappt die Tür zu, und ich taumle willenlos im Schatten der Marterstraße.
Die Tage kriechen wie Läuse und schwer wie blutgesättigte Wanzen. An der sogenannten ,, Freistunde", an diesem steifen Spazierenrennen im Kreise, kann ich nicht mehr teilnehmen. Aber ich kann die gewundene Schlange der Marschierer von meinem Fenster aus beobachten, es ist die deutsche Lebenskrise im Kreise. Zwei schwarze Raben sitzen auf dem Müll und sehen
Die Hände wieder mal verbotenerweise in den Hosentaschen, ein Filzhütchen keck im Genick, stelzt da mein Tatgenosse Klaus in seiner ostbaltischen Dickfelligkeit.
Und ich, was macht mein Privatleben? Ich wehre mich jetzt mit ganz neuen Abwehrinstinkten gegen das geheime Reißen der Krankheit. Ich fülle mich mit Schöpferdrang, ich verhalte mich gewissermaßen poetisch. Wenn ich sagen wollte, ich dichte, so wäre das schon übertrieben. Genau genommen, dichte ich mich selber um. Zur echten Neuschöpfung würde meine Kraft noch nicht oder nicht mehr ausreichen. Und so dichte ich an mir selber herum, ich dichte meine älteren Gedichte um, ich gieße sie in die Elegien des Augenblicks, forme sie in den Rhythmus der inneren Stunde.
Es regnet, es stürmt, die Wassermassen klatschen an das Zellengitter. Petrus kübelt, sagt der Knastologe, ich aber dichte eigene Strophen um:
Neigt euch nieder, Wolken,
Daß ich euch umarme!
Ströme, Regen, daß ich
Mit den Tropfen selbst zerrinne!
All ihr trunknen Stürme unterm Himmel,
Blast mir euer Wüten
In die schlaffen Adern...
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